Betterson

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Wolfgang Schäuble

Was tatsächlich mal gesagt werden muss

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Die Anfeindungen gegenüber Günter Grass überschreiten jegliches Maß, dem Debatten hierzulande normalerweise standhalten sollten. Es ist dabei zum einen die Qualität der Anschuldigungen: Zum Beispiel habe der Geist der Waffen-SS Grass nie verlassen. Na klar, deswegen hat er sich auch sechzig Jahre lang für die Sozialdemokratie eingesetzt und warnt in seinem Gedicht aus pazifistischen Motiven vor militärischen Aktionen. Auch die Quantität ist überwältigend. Es scheint, als sei ein Wettbewerb unter deutschen Journalisten entbrannt, wer Grass am elegantesten des Antisemitismus überführe. Wieder einmal gnadenlos vorgelegt hat dabei der paranoide Islam-Hasser Henryk M. Broder, der in seiner Araber-Phobie viel eher Rassismus erkennen lässt als Günter Grass in seinem Gedicht. Er unterstellt Grass, schon immer ein Problem mit Juden gehabt zu haben. Als ob Grass das Judentum angreife oder diskreditiere. Es geht ihm doch offenkundig einzig und allein um die Politik der israelischen Regierung. Aber auch eigentlich seriöse Journalisten wie Jens Jessen von der Zeit versuchen dem Literatur-Nobelpreisträger Juden-Feindlichkeit nachzuweisen. So meint dieser, Grass betone in seinem Werk die Furcht vor Antisemitismus-Vorwürfen aus einem einzigen Grund: Er habe sich selbst dabei ertappt. Jessen bedient sich somit eines bekannten Mechanismus’: Intellektuelle Hilflosigkeit unter dem Deckmantel psychoanalytischer Tiefenschärfe zu verstecken.

Doch wie stellt sich eigentlich die Faktenlage dar, die Günter Grass laut dem journalistischen Mainstream angeblich so skandalös verdreht hat? Oft wird behauptet, der Aggressor sei eigentlich die iranische Regierung. Jessen beispielsweise wirft Grass vor, die Tatsache auszublenden, dass Teheran ernst zu nehmende Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel ausgesprochen habe. Dabei scheint er sich auf die Ahmadinedschad in den Mund gelegte Aussage zu beziehen, Israel müsse von der Landkarte radiert werden. Schon lange ist allerdings klar, dass dieser Formulierung eine fehlerhafte Übersetzung seitens der Nachrichtenagenturen zu Grunde liegt. Tatsächlich sagte der iranische Präsident, das israelische Besatzungsregime müsse Geschichte werden, was offensichtlich eine vollkommen andere Bedeutung in sich trägt. Dieser Übersetzungsfehler veranlasste interessanterweise schon 2008 die Süddeutsche Zeitung zu dem Verdacht, hier solle ein möglicher Angriffskrieg auf den Iran gerechtfertigt werden, ohne dass eine tatsächliche Bedrohung bestünde. Natürlich muss auch darauf hingewiesen werden, dass Ahmadinedschad dem Staat Israel und wohl auch Juden im Allgemeinen feindlich gesinnt ist. Aber die allgemein akzeptierte Vorstellung, eine Atommacht Iran sei gleichbedeutend mit der Vernichtung Israels scheint deutlich überzogen. Einerseits hat der Präsident viel weniger Einfluss auf das politische Geschehen als in unseren Medien gerne behauptet wird. Bei Ahmadinedschads Vorgänger, dem Reformer Chatami, wurde von allen Seiten auf seine geringe Macht hingewiesen, um Iran als Feindbild aufrecht erhalten zu können. Andererseits ging vom iranischen Mullah-Regime noch nie ein Krieg aus, während die Bilanz der von Israel und dem entscheidenden Verbündeten USA, der die israelische Außenpolitik ja offenkundig mitbestimmt, geführten Angriffskriege wohl für sich sprechen dürfte.

Dass Iran Atomwaffen will, ist nicht länger von der Hand zu weisen. Die Fakten legen nahe, dass dies aber vor allem aus Angst vor einem Angriff der USA in Betracht gezogen wird. Und dass diese Angst absolut begründet ist, muss hier wohl nicht erörtert werden. Die Falken in den zahlreichen amerikanischen Think-Tanks haben schon allzu oft Iran als das nächste Ziel bezeichnet. Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, Iran sei eigentlich das arme Opfer, das niemandem etwas antun wolle. Natürlich gibt es für die USA und Israel berechtigte Gründe, das diktatorische Regime, das wohl vielerorts religiöse Extremisten unterstützt, als Feind anzusehen. Vom Iran als Aggressor zu sprechen, besitzt allerdings kein belegbares Fundament. Und was außerdem auch klar ist und womit Grass vollkommen Recht hat: Ein Militärschlag gegen Iran hätte grauenhafte Folgen für die gesamte Region, wenn nicht sogar die gesamte Welt. Denn das Fass, das die amerikanischen Angriffskriege gegen Afghanistan und Irak schon bis an den Rand gefüllt haben, liefe wohl endgültig über.

Natürlich kann ich nicht garantieren, dass diese Einschätzung vollkommen richtig ist. Die Gemengelage ist von viel zu viel verschiedenen Interessen geprägt und die Intentionen der beteiligten Regierungen sind schwer kalkulierbar. Dass Iran aber tatsächlich einmal Israel mit Atomwaffen angreifen könnte, halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Das Land unterschriebe damit sein eigenes Todesurteil. Gleichzeitig ist die Berichterstattung oftmals sehr einseitig und somit schwer einzuordnen. Auch Jessen bedient sich im Übrigen des Bildes der religiös fanatisierten Massen, die Israel ständig bedrohen. Das ist nicht nur eine unbelegte, infame Unterstellung gegenüber der arabischen Bevölkerung, sondern tatsächlich mal eine Aussage, die eine begründete Antisemitismus-Debatte nach sich ziehen könnte. Denn Araber sind bekanntermaßen auch Semiten und sie unter den Generalverdacht des religiösen Fanatismus zu stellen, weist durchaus rassistische Züge auf. Grass als Juden-Feind zu denunzieren ist hingegen hanebüchen und das Niveau der über seine Äußerungen geführten politischen Debatte beschämend. Vielleicht hat Grass Iran tatsächlich ein Stück weit verharmlost. Die Gefahr eines israelischen Angriffs zu benennen, war allerdings absolut richtig.

Zu Teil II der Reihe

[Bildquelle: PikiWiki Israel, Wikimedia Commons]

9 Kommentare ...
  1. Naja, dass der Iran keinerlei aggressive Anwandlungen zeigt, kann wohl mit Hinblick auf seine langjährige Unterstützung der Hizbollah und deren Aggressionen gegen Israel widerlegt werden. Es müssen beide Seiten gesehen werden, also sowohl die Agressionen Israels als auch die des Irans. Wobei ich hier auch deutlich weniger Experte als andere Menschen bin… Viele Grüße, Carl

  2. Ein paar Anmerkungen zu einem insgesamt guten Artikel:
    “Tatsächlich sagte der iranische Präsident, das israelische Besatzungsregime müsse Geschichte werden, was offensichtlich eine vollkommen andere Bedeutung in sich trägt.” – Zwar scheint diese Übersetzung in der Tat weit weniger bedrohlich, aber man kann sie auch so verstehen, daß Israel vernichtet werden soll. Kommt halt drauf an, was man unter “Geschichte werden” versteht. Mit Gadamer sollte man Texte immer so gutwillig wie möglich interpretieren – aber ob das auch im Feld der Weltpolitik vernünftig ist, oder nur bei Literatur, finde ich durchaus fraglich. Und insofern kann man das Ganze auch mit einigem Recht eben als Vernichtungsdrohung lesen. (Allerdings gehört in der Politik halt Klappern auch zum Handwerk; und manchmal muß man mehr androhen als man zu tun bereit oder fähig ist.)
    Antisemitismus als “Gegen die Semiten” (und damit eben auch auf die Araber gemünzt) zu lesen, finde ich langsam echt albern – das nutzt nur der Verwirrung.
    Und drittens scheinst Du die Iraner mit den Arabern in einen Topf zu werfen? Zumindest scheint mir Jessen an der kritisierten Stelle eher auf den Iran, denn auf die arabischen Nachbarn abzuzielen – und die Iraner sind bekanntlich eben gerade keine Semiten.

  3. @ Carl: in dem artikel wird doch explizit benannt, dass der iran religiöse extremisten unterstützt. den staat nicht als agressor zu verstehen, bezieht sich auf die möglichkeit eines offenen krieges oder eines möglichen atomangriffes.

  4. Eine kurze Replik an Joachim: zum 1.: Hier geht es mir vor allem um die deutlich aufgebauschte Fehlübersetzung, die den Eindruck einer Falschdarstellung oder zumindest sehr einseitigen Berichterstattung untermauert. Denn die Übersetzung gibt ja einen eindeutigen Wortlaut wieder, während, wie du ja festgestellt hast, die tatsächliche Aussage Interpretationsspielraum zulässt.
    zu 2.: Das mit den Semiten ist doch einfach eine nicht vollständig ernst gemeinte Pointe, die das ungerechtfertigte Ungleichgewicht der Anschuldigungen zum Ausdruck bringen soll: Denn während man Grass dauernd Rassismus vorwirft, ohne dass er dafür wirklich Anlass gibt, scheint das unreflektierte Gerede zahlreicher Kritiker viel eher in eine solche Richtung zu gehen.
    zu 3.: Jessen spricht hier von den Massen, die Israel umgeben, und da denkt man zu allererst an die direkten Nachbarn, die in erster Linie Arabisch sprechen. Und ihm geht es hier ja viel allgemeiner darum, aufzuzeigen, warum sich Israel in ständiger Alarmbereitschaft befindet.

  5. Was ich diesem – im übrigen sehr gut geschriebenen Artikel hinzufügen will, ist, dass es ein Gedicht war – ja, diese fast vergessene Kunstform – die den Anstoss zu einer Auseinandersetzung mit diesem längst überfälligen Thema gegeben hat. Das freut mich sehr. Mal ganz ehrlich: wann habt ihr zum letzten mal ein Gedicht gelesen, welches so sehr polarisiert und Anlass zum Nachdenken gibt?

  6. @Patrick: Es war ein Prosagedicht und meiner Meinung nach nicht mal ein gutes (rein ästhetisch), da es eher an einen Essay erinnerte.

  7. Heute ein sehr guter, unaufgeregter Artikel zu dem Thema auf der ersten Seite des SZ-Feuilletons: Nie wieder wehrlos von Elisabeth Kinderlen. Es wird auch die Facebook-Kampagne erwähnt, in der sich Israelis und Iraner gegenseitig ihren Respekt aussprechen und beteuern, sie wollten niemals das jeweils andere Land angreifen. Sind die Israelis, die so etwas machen, in den Augen manch kriegslustiger Kommentatoren dann auch Antizionisten oder gar Antisemiten? Immerhin wenden sie sich ja implizit gegen ihre Regierung, die von manchen offensichtlich mit dem Judentum gleichgesetzt wird.

  8. Was Grass meist vorgeworfen wird, ist vorallem seine einseitige Schuldzuweisung und ich glaube, dass man diesen Vorwurf auch nicht entkräften kann oder muss. Es spricht nicht dagegen mit unvollendetem Wissen zu argumentieren aber das hat er ja nicht getan, er hat ein abgeschlossenes Gedicht präsentiert, als Fakt. Das macht man nicht, wenn man sich nicht sicher ist auf ganzer Linie recht zu haben.

  9. Und wir bzw. unsere Medien betreiben diese einseitige Schuldzuweisung nicht? Hier in den Medien wurde also nie behauptet, Osama bin Laden sei für den 11. September verantwortlich? Hier wurde nie behauptet, die afghanische Regierung unterstütze Terroristen, niemals wurde behauptet, Sadam Hussein baue Atomwaffen; auch das Gaddaffi sein eigenes Volk masskriere hat man hier nie in den Zeitungen gelesen?

    Und wer greift dauernd an? Sind es nicht wir(die NATO), die imperialistische Angriffskriege führen?

    Gibt es nicht genug Hinweise darauf, dass terroristische Anschläge von Geheimdiensten und NATO-Geheimarmeen organisiert und initiiert wurden? Oder wurde darüber einfach nie was von unseren Medien berichtet? Wird über die Waffenexporte berichtet, die die deutsche Regierung und somit Deutschland reich und wirtschaftlich bedeutend machen? Wer hierzulande weiß schon, dass jede 3 Handfeuerwaffe die auf der Welt im Umlauf ist in Deutschland hergestellt wurde? Bei Panzern und Kriegsschiffen verhält es sich ähnlich. Aber von sowas liest man nie in unseren Medien. Warum wohl? Erzählt man uns nicht nur das, was wir hören sollen? Erzählt man uns denn nicht nur das, was uns zum einkaufen anregen soll und uns in der Traumvorstellung verweilen jeden auf der Welt könne es genau so gut gehen wie uns und jeder der es nicht schafft reich zu werden, sei einfach nur faul und/oder dumm?

    Erzählt man uns nicht, diese angeblich faulen und dummen Menschen würden uns reichen und intelligenten auf der Tasche liegen, wären eine Last und daher weniger wert, als wir arbeitenden und Steuern zahlenden? Wer daran glaubt, ist schon ein Faschist. Und viele die daran glauben, nehmen sich es heraus über andere zu urteilen und diese als Faschisten und Antisemiten hinzustellen – obwohl sie es sind, die sich faschistisch verhalten und sich auf eine faschistische Meinung berufen.

    Sorry, aber Ignoranz und Selbstgerechtigkeit scheinen hierzulande wohl unheilbar zu sein. Den meisten hier hat man einfach dermaßen ins Hirn geschissen, dass sie aus ihrer faschistischen(sie bilden sich ja ein sie seien anti-faschisten), sich für was Besseres haltenden Weltsicht heraus nicht erkennen können, wer die wahren Aggressoren auf der Welt innerhalb der letzten 50 Jahre waren.

    Wer hat das Erbe der Nazis angetreten und auf einen allgemeingültigen Faschismus ausgeweitet? Wer stellt jeden Menschen ausser der eigenen Mitarbeiter grundsätzlich unter Generalverdacht, schürt Ausländerfeindlichkeit, setzt rassistische Gesetze um und zwingt ganze Kontinente es ihm gleichzutun? Wer versucht permanent Macht zu zentralisieren und versteckt sich dabei hinter dem Image eines Gutmenschen? Wer will seine eigenen Bürger bis ins Kleinste überwachen und jedem vorschreiben was er zu tun und zu lassen hat?

    Wer verdient daran? Wer profitiert davon? Wer hat ein Motiv dazu? Ist diese Motivation im Sinne der Allgemeinheit gerechtfertigt? Oder ist diese Motivation Habgier und Machtbessenheit? Wer hat die Mittel alles so hinzudrehen, wie es ihm passt?

    Man ist was man tut, man tut was man kann und man kann was man will.