Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Was tatsächlich mal gesagt werden muss II

Die von Israel besetzte Palästinenser-Stadt Hebron erregte im letzten Monat Aufsehen, als SPD-Chef Sigmar Gabriel von einer Reise ins Westjordanland zurückkehrte und von seinem Aufenthalt in dieser Stadt berichtete. Er erzählte schockiert von den Verhältnissen, in denen Palästinenser dort leben, und der Willkür der Besatzungsmacht, der die Einwohner ausgesetzt sind. Sein Bericht gipfelte in der Bemerkung, die dort vorgefundene Lage erinnerte ihn an das Regime der Apartheid. Doch was in der Folge wieder mal zum Hauptthema der Debatte wurde, war nicht die erschreckende Sachlage und furchtbare Realität der dort lebenden Menschen. Tatsächlich wurde Gabriel von den üblichen Verdächtigen Israel-Feindlichkeit und Antisemitismus vorgeworfen. Das ist zum einen absurd, da Gabriel einen politischen Konflikt und das Vorgehen einer Staatsmacht kritisiert, ohne auch nur im Ansatz auf rassistische Motive zu rekurrieren. Zum anderen sind jene, um die sich Gabriel sorgt, selbst Semiten, und laut dem jüdischen Historiker Shlomo Sand sogar die tatsächlichen Nachfahren des ursprünglichen jüdischen Volkes, die dann später zum Islam konvertierten. Gleichzeitig erkennt Gabriel, wie ich auch, Israel als grundsätzlich unterstützenswerten Staat an, der innerhalb seiner Landesgrenzen eine überaus lebendige Demokratie beherbergt. Gerade deswegen dürfen mit begründeter Hoffnung bestimmte menschenrechtliche Maßstäbe für das Auftreten der israelischen Staatsmacht im Westjordanland angesetzt werden.

Dass diese allerdings in Hebron nicht erfüllt werden, konnte ich vor einigen Wochen mit eigenen Augen sehen. Hebron gehört mit knapp 200.000 Einwohnern zu den größten Städten des Westjordanlands. Die Stadt besteht aus den beiden Zonen H1 und H2. H1 nimmt in etwa 80% des Stadtgebiets ein und befindet sich unter palästinensischer Führung, während H2 von Israel kontrolliert wird. Zu H2 gehört die Altstadt, in deren Herz der Komplex Machpela liegt, der die Gräber der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob und ihrer Frauen beherbergt. Dieser Ort hat sowohl für Muslime als auch für Juden einen enormen religiösen Stellenwert und ist somit sinnbildlich der Ausgangspunkt der Konflikte, die diese Stadt immer wieder heimgesucht haben. Der Komplex besteht aus einer Moschee und einer Synagoge. An den Bereich der Synagoge schließt ein Siedlungsbezirk an, zu dem Muslime, also insbesondere die dort lebenden Palästinenser, keinen Zugang haben. Insgesamt leben aktuell ca. 750 jüdische Siedler in der arabischen Altstadt von Hebron. Sie werden laut eines Berichts des Christian Peacemaker Teams von ungefähr 4000 Soldaten beschützt. Die Zahlen verdeutlichen die Dimension des Besatzungszustands.

Am Checkpoint des genannten Bezirks steht ein kleiner Souvenir-Laden, der von einem alten Araber und seinen beiden Söhnen geführt wird. Wir werden ausgesprochen herzlich begrüßt und auf einen Tee eingeladen. Der älteste Sohn spricht sehr gut Englisch und schildert uns die Situation der arabischen Bevölkerung in Hebron. Er erzählt, dass sich die Leute nicht frei bewegen können, sondern oft lange Umwege zurücklegen müssen, um die abgesperrten Siedlungen zu umgehen: Obwohl er gleich nebenan wohnt, braucht er für den Weg zur Arbeit eine halbe Stunde. Demgegenüber sind die ultra-orthodoxen Einwohner des Bezirks oft bewaffnet und im Reiseführer ist sogar die Rede davon, dass sie manchmal Touristen bedrohen, die sich mit Arabern unterhalten. Der junge Mann zeigt auf das Sinnbild der Situation in Hebron, den vollkommen verlassenen Souq. Der Markt bildete einst den Hauptbestandteil des städtischen Lebens, doch die Häuser sind weitestgehend evakuiert und die Händler aus der Stadt herausgedrängt. Auch wenn er sich  mit den meisten Soldaten recht gut versteht, erzählt der junge Palästinenser weiter, kommt es dennoch immer wieder zu willkürlichen Schikanen und demütigenden Machtdemonstrationen.

Wir lauschen gespannt den Erzählungen, fühlen uns aber gleichzeitig instrumentalisiert. Denn er betont immer wieder, dass wir seine Geschichte in unserem Land verbreiten sollen. Versucht er vielleicht einfach, ausländische Touristen gegen die Siedler aufzuhetzen? Und hat Israel nicht einen guten Grund, die Siedlungen derart rigoros abzuriegeln und die Einwohner vor palästinensischen Übergriffen zu schützen? Die erste Frage lässt sich mit einem Verweis auf zahlreiche Quellen beantworten, die die Geschichten des jungen Mannes bestätigen. Es sind israelische Bürgerrechts-und Friedensbewegungen wie Shalom Achshav oder Schovrim Schtika, eine von ehemaligen und aktiven israelischen Soldaten gegründete Organisation, die die Ereignisse im Westjordanland dokumentieren. In Hebron allein ist von einer Vielzahl traumatisierter Kinder die Rede, von Leuten, die über das Dach ihres Hauses klettern müssen, um es durch den Hintereingang zu erreichen. Der Vordereingang liegt auf einer für sie verbotenen Straße. Graffitis mit Sprüchen wie “Araber in die Gaskammer” zieren Häuserwände. Israelische Soldaten berichten, wie sie auf den Hügeln um Hebron herum palästinensische Schulkinder vor den Steinen schützen müssen, die extremistische Siedler auf sie werfen. Das ist ein Sinnbild für den gesamten Israel-Palästina-Konflikt, der in erster Linie durch gewaltbereite Extremisten auf beiden Seiten bestimmt wird, während der Großteil der Bevölkerung einfach nur in Ruhe leben will.

Die zweite Frage lässt sich unter Berufung auf den Ursprung der heutigen Situation beantworten. Dieser besteht in dem Anschlag des amerikanischen Arztes Baruch Goldstein im Jahre 1994, der 29 Palästinenser während ihres Gebets in der Abraham-Moschee erschoss und 120 weitere verletzte. Mit seiner Einstellung gegenüber der arabischen Bevölkerung hat er sich unter den Siedlern einige Freunde gemacht. So befindet sich an der Einfahrt in die nahe gelegene Siedlung Kirjat Arba das Grab des vielfachen Mörders, das an den “Helden Baruch” erinnern soll. Das Attentat führte zur Politik der rigorosen Trennung von Juden und Muslimen in der Stadt. Doch während die einen eine privilegierte Minderheit darstellen, wird den anderen nach und nach die Heimat und Lebensgrundlage genommen. Soldaten von Schovrim Schtika bezeugen, dass in Hebron die Gewalt fast ausschließlich von den Siedlern ausgeht. Es leuchtet nicht ein, dass als Konsequenz die palästinensische Bevölkerung dermaßen in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, anstatt gewaltbereiten Siedlern die Subventionen zu streichen.

Der arabische Teil von Hebrons altem Zentrum ist eine Geisterstadt. Wir stehen auf dem Dach eines Hauses, das tagsüber von einer palästinensischen Familie “bewohnt” wird, nachts aber von Soldaten geräumt wird. Der von osmanischer Architektur geprägte Souq steht dem in Jerusalem an Schönheit in nichts nach. Doch an Stelle des bunten Treibens eines nahöstlichen Marktes reiht sich ein geschlossenes Geschäft an das andere und über den Gassen hängen Gitter, die vor dem Müll der über den Souq gebauten Siedlung schützen. Wachtürme des Militärs umgeben die Gemäuer und nur zehn Meter von uns entfernt steht ein Soldat auf dem Nachbarhaus.  In diesem Teil der Stadt ist allen die Anspannung anzumerken. Vor der Einteilung in die Bereiche H1 und H2 im Jahre 1997 lebten 35.000 Palästinenser im H2-Bezirk. Zehn Jahre später hatten schon 40% das Gebiet verlassen. Über 1000 Wohnungen sind bis heute geräumt worden und über 2000 Geschäfte und Betriebe haben geschlossen.

Die hier beschriebene Situation anzuprangern, impliziert in keiner Weise Aversionen gegenüber einer religiös oder ethnisch definierten Gruppe. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, über eine humanitär desaströse Lage aufzuklären, in der Hoffnung, dass die israelische Regierung sich bald darum bemüht, die Lebensverhältnisse der Menschen in Hebron wieder menschenwürdig zu gestalten. Genau das treibt die Friedensaktivisten von Shalom Achshav und Schovrim Schtika in ihrer Arbeit an und hat wahrscheinlich Sigmar Gabriel dazu veranlasst, seine Erfahrungen zu schildern.

Nach dem Gang durch die Stadt frage ich unseren palästinensischen Taxi-Fahrer, ob er zuversichtlich sei, dass sich die Lage für die Bevölkerung wieder bessere. Glaubt er, irgendwann mal dieses Gefängnis verlassen zu können, um sein Lieblingsland Italien zu bereisen? Er lächelt mich an und sagt: “I hope so, my friend, I really hope so.”

Zu Teil I der Reihe

[Bildquelle: Bastique, Wikimedia Commons]

1 Kommentar ...
  1. danke für maxis sehr informativen artikel (teil 1 und 2) aus erster hand! schön, dass betterson wieder lebt!