Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

The E-Waste Lands

Es ist nicht schwer, sich ein Gesicht zu dem Schrecken auszudenken: Da ist ein Junge, sagen wir, er ist neun Jahre alt, Abejida könnte er heißen. Abejida wohnt in Lagos, Nigeria. Jeden Monat kommen in der Stadt am Meer im Schnitt  500 Container mit Elektroschrott an. Es sind Computerbildschirme, Althandys, Fernseher, die im reichen Norden nicht mehr gebraucht werden. Der Schrott soll in dem afrikanischen Land recycelt werden. Dumm nur, dass es in Nigeria die dafür notwendigen Anlangen nicht gibt. Deshalb zerlegt Abejida die Computer und Fernsehbildschirme mit seinen bloßen Händen. Ohne Atemmaske, ohne Handschuhe. Er hat kein gutes Gefühl dabei: Oft hat er Kopfschmerzen, oder ihm wird übel. Doch gesundheitliche Bedenken kann sich Abejida nicht leisten ­­ – er braucht das Geld.

Abejida könnte auch Lee heißen, oder Talan. Denn Elektroschrott ist kein spezifisch afrikanisches Problem. 300 bis 500 Millionen Tonnen Müll werden jährlich produziert, 80 bis 90 Prozent davon in den Industrieländern. Die zunehmende Technologisierung unseres Alltags, die immer schneller werdenden Entwicklungen im IT-Bereich verstärken den Wegwerf-Trend: „E-waste“ wird immer mehr zum Problem der Industrieländer.

Ein Problem, das abgeschoben wird. Statt den Müll selbst zu entsorgen, verkauft und verschifft der Norden das Problem in den globalen Süden, nach Afrika, Asien oder Südamerika. Unter den Gesichtspunkt einer rein wirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnung mag das zunächst einmal sinnvoll erscheinen: In den Industrieländern, in denen Umweltbewegungen hohe Standards in puncto Entsorgung durchgesetzt haben, ist der Müll eine teure Angelegenheit. Auf der anderen Seite haben Drittweltländer, vor allem in Afrika, einen dringenden Bedarf an Devisen. Wieso also nicht den Schrott gegen Entgelt entsorgen?

Was viele Regierungen übersehen haben, sind die katastrophalen Folgen für ihre Umwelt und ihre Bevölkerung. Die giftigen Bestandteile des Elektroschrotts verpesten die Luft, die Böden und das Grundwasser. Die Arbeiter, die auf den örtlichen Müllhalden die Altcomputer zerlegen, werden krank. Nicht selten sterben sie sogar an den Folgen des täglichen Kontakts mit Blei, Kadmium oder Arsen. Später eingeführte Umweltvorschriften haben das Problem nicht eingedämmt: Denn was nützt schon eine strenge Vorschrift, wenn die Kontrollen lax und Verantwortlichen im Umweltministerium bestechlich sind?

Dass dieses System nicht zukunftsfähig ist, hatte die Staatengemeinschaft eigentlich schon Anfang der 90er erkannt. Wenn auch die Industriestaaten zunächst an dem für sie vorteilhaften Müllhandel festhalten wollten, schafften es die Schwellenländer mit Hilfe von verschiedenen Nichtregierungsorganisationen, ein Abkommen durchzusetzen, dass das Abschieben von Müll in Zukunft besser regeln sollte. Als die Basler Konvention (ausführlicher Titel: Basel Convention on the Control of Transboundary Movements of Hazardous Wastes and their Disposal) 1992 in Kraft trat, waren die Hoffnungen groß.

Doch wie so oft hielt die Konvention nicht, was sie versprach. Das Abkommen ist ein typisches Produkt eines Aushandlungsprozesses, der zwischen unterschiedlich starken Parteien stattfindet. Die Industriestaaten, darunter vor allem der Müllproduzent erster Güte, die USA, haben es geschafft, die Basler Verhandlungen zu Ihren Gunsten ausgehen zu lassen: Zu viele Ausnahmen, eine finanziell wie institutionell zu schwache Kontrollinstanz und ein nicht greifender Sanktionsmechanismus machen die Basler Konvention zu einem stumpfen Instrument gegen Elektroschrott. Daran ändert auch das Zusatzprotokoll, das „Basel Ban Amendement“ nichts, dass einige dieser Schwächen ausgleichen sollte.

Und so läuft der Schrotthandel munter weiter, mal mehr, mal weniger illegal, aber vor allem: weitgehend ungehindert. Dass die breite Öffentlichkeit die Problematik nicht wahrnimmt tut ein Übriges. Für die Abejidas, Lees oder Talans dieser Welt ist das ein absolut verheerendes Zeichen.

[Bild: Dieter Orens, FlickR Creative Commons]

2 Kommentare ...
  1. Super Artikel !
    wer sich näher mit dem Thema beschäftigen will: es gibt ein gutes Paper zum Thema auf http://pcglobal.org/files/WEED_UnsichtbareKosten_klein_2007.pdf
    in dem es nebenbei noch um die Rolle der Computerhersteller und deren soziale bzw. ökologische Verantwortung in der Produktions/Entsorgungskette geht.

  2. Wichtiger Punkt, sehr gut.
    Da lässt sich eine schöne Brücke schlagen zu den bizarren Mengen Plastikmüll in den Weltmeeren. Übrigens, Du hast wahrscheinlich 300 bis 500 Mio. t Müll jährlich gemeint, oder?