Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Steigt ab!

Fahrräder auf dem Odeonsplatz

Ironischerweise ist der Odeonsplatz von zwei Fußgängerzonen umschlossen, doch aufgrund des flinken Verkehrs möchte ich den Liebhabern des gemächlichen Bummelns und Flanierens raten, sich andere Wege zu suchen. Ich meinerseits wurde bereits vorwurfsvoll zur Seite gebeten, um einer Fahrradmama mit ihrer ganzen Fahrradsippe die Bahn frei zu machen. Da ich nichts entgegnete, hielt sie mich wohl für eine Touristin ohne Deutschkenntnisse und erklärte sich vielleicht dadurch die Abwesenheit meines Fahrrads. Denn seien wir mal ehrlich: Ein Fahrrad ist das unabdingbare Accessoire eines Bürgers, der was auf sich hält.

Ein Fahrrad in der Mitte Münchens ist nicht nur bloßes Fortbewegungsmittel zur heißen Sommerzeit. Es ist ein Symbol für den einzig laut vertretbaren Lebensentwurf. Fahrradfahrer sorgen sich um ihre körperliche Fitness und Gesundheit, sie sparen Energie und Geld und außerdem vergeuden sie keine Zeit, die die wichtigste Ressource überhaupt ist. Es scheint: Wer sich heute Zeit nimmt zu laufen, ist bereits morgen aus dem Rennen.

Ein Fahrradmensch steht somit auf der höchsten, bis jetzt erreichbaren Evolutionsstufe und sieht herab auf den Fußmenschen, der doch bitte möglichst leise das Territorium zu räumen hat oder sich zur eigenen Sicherheit einen Helm anziehen soll.

Der Text „Bitte Schritt Halten“ auf dem Asphalt der Residenzstraße ist kaum mehr sichtbar, nachdem so oft ungehalten darüber gefahren wurde. Überhaupt müssen sich die Menschen von gestern mit der Hälfte des Bürgersteigs begnügen. Und sollten sie es wagen, in ihrer Gemütlichkeit in einen Tagtraum zu verfallen und ihren unschuldigen Fuß auf die feindliche Hälfte zu setzten, sind sie danach selber schuld. Die Gefahr, von Fahrradfahrern angebrüllt zu werden, ist in München hoch und steigt proportional zu den Temperaturen.

Ich habe mir angewöhnt, links und rechts zu schauen, wenn ich aus der Haustür trete. Denn der Gehweg der Lindwurmstraße ist bereits von Rasern okkupiert, die sich in ihren freien fünf Minuten an der renaturierten Isar treffen.

Doch warum nicht einfach einen Spaziergang entlang derselben Isar machen? Wieso nicht überhaupt laufen? Denn auch wenn es Zeit kostet, ist es nicht minder gesund und ökologisch. Außerdem hat man die Möglichkeit, gleichzeitig ein Eis zu essen und, wenn man den Kopf ein wenig hebt, die reichhaltige Architektur Münchens zu bestaunen. Der Verdacht drängt sich auf, dass Zufußgehen nicht nur gefährlich sein kann, sondern auch nicht mehr zeitgemäß ist.

Traditionell ist der Weg zu Fuß ein besinnlicher Weg. Doch im öffentlichen Raum einer modernen Stadt ist dieser Zeitvertreib überholt. Das kann man nun auf speziellen Wander- und Pilgerwegen erledigen. Den älteren Herrschaften wird das Schlendern noch mit einem spöttischen Lächeln nachgesehen, den Jungen gegenüber heißt es: „Steigt auf!“

Dagegen hilft nur ein Allgemeiner Deutscher Fußgänger-Club! Weil es aber noch keinen solchen gibt, sehe ich meine Aufgabe darin, zu rufen: „Steigt ab!“ Erlebt, wie sich München im Sommer bei einer natürlichen Geschwindigkeit anfühlt oder passt wenigstens auf diejenigen auf, die das tun!

Denn tatsächlich wird das Leben der restlichen Fußgänger in den kommenden Monaten anstrengend werden, bis ihnen nichts bleibt als nach Santiago de Compostela zu wandern.

[Fotoquelle: Flickr, randomduck]

 

4 Kommentare ...
  1. ganz meine meinung! wenn man geht, kann mal sowohl denken als auch die welt (& andere menschen) wahrnehmen: zwei qualitäten, die zur grundessenz eines humanen lebens gehören und die der fahrradfahrer nur sehr eingeschränkt hat.

  2. ich zähle mich auch zu münchens fahrradfahrern. und zwar aus folgende, grund: der öffentliche nahverkehr ist sau teuer, in die uni laufen dauert zu lange. bleibt das fahrrad.

  3. Mal auf den Punkt gebracht! Normalerweise bin ich auch eher ein Fahrradenthusiast und gegen solche Verurteilungen wie die Ramboradlerberichte, aber ich kann vieles Nachvollziehen. Ich wäre ja ganz im Sinne von Slow-Food auch für Slow-Biking, flanieren auf 2 Rädern!

  4. Ich fühle mich als Power-Radler ertappt. Manchmal ist das Rad eben wirklich nur ein Verkehrsmittel, um schnell voranzukommen. Und da wird jeder Mitmensch schnell zum Hindernis, eigentliche eine traurige Sache. Aber ich sehe da, wie immer, die Politik gefordert. Innenstadtmaut für Autos und ein umfassender Umbau von Straßen zu (breiten) Radwegen könnte hier viel Konfliktpotential entschärfen.