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Wolfgang Schäuble

Simmel, Freud und Burnout

1869 führte George M. Beard den Begriff der „Neurasthenie“ in die Wissenschaft ein. In seinen Werken A Practical Treatise on Nervous Exhaustion (Neurasthenia) und American Nervousness, With its Causes and Consequences beschrieb er diese Nervenkrankheit als nervöse Erschlaffung, als Reaktion auf Modernitätsprozesse, die sich sowohl in einer Überreizung der Nerven als auch in Übermüdung äußerte. Der Begriff der „Maladie de Siècle“ kam auf und suggeriert, ein Nervenleiden erfreue sich Beliebtheit – Krankheit als Pop.

Georg Simmel beschrieb zu Beginn des letzten Jahrhunderts in seinem Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“ die Folgen der Urbanisierung als mögliche Ursache für die epidemische Ausbreitung der Neurasthenie. Die Psyche reagiere mit gesteigerter Aufmerksamkeit auf die übertriebene Reizvielfalt und die Beschleunigung der Lebenswelt. Man braucht kein Psychologe zu sein, um hier den Zusammenhang zu einem Nervenleiden herstellen zu können.

Einen anderen Erklärungsansatz lieferte 1908 Sigmund Freud in seinem Artikel „Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Sexualität“, in dem er, wenig überraschend, die Verbreitung der übersteigerten Nervosität im Fin de Siècle auf den durch die Sexualmoral unterdrückten Sexualtrieb des Menschen zurückführte – der psychische Kompromiss der Neurasthenie als Triebunterdrückung.

Heute heißen die Maladies de Siècle Burnout, Depression und Sozialangst. Unterdrückter Sexualtrieb kann zwar kaum noch als Begründung dafür dienen, andere Ursachen sind direkt übertragbar. Auch der Begriff „Burnout“ könnte gut eine Metapher des Fin de Siècle sein: Erst im Zuge der Entdeckung der Elektrizität und der Erfindung der Glühbirne ist es möglich von einer „ausgebrannten Glühbirne“ zu sprechen. Die Urbanisierung ist in der westlichen Welt abgeschlossen, die Beschleunigung durch Modernisierung nicht. Schritthalten ist die Devise, niemals stehen bleiben, sich weiterentwickeln, um nicht abgehängt zu werden. Die vermeintliche Lösung sind jüngere Abiturienten, Bachelor-Absolventen, die kein Unternehmen einstellen will, weil sie eben einfach doch nicht genug Lebenserfahrung haben. Deswegen: Praktika im In- und Ausland! Wäre doch gelacht, wenn man das bisschen Erfahrung in den Ferien nicht nachholen könnte. Wehe dem, der es sich nicht leisten kann, zwei Mieten von keinem Lohn zu bezahlen.

Dazu kommt die ständige Pflicht, erreichbar zu sein – nicht mehr nur zu Hause oder im Büro, nicht mal mehr nur auf dem Handy, sondern immer und überall per Festnetz, Handy und Internet. Wer nicht ans Telefon geht, seine Mails nicht checkt, der läuft Gefahr etwas zu verpassen.

Die Psychologin Margaret Wehrenberg schreibt in ihrem Buch The 10 Best-Ever Anxiety Management Techniques, das gerade auch auf Deutsch übersetzt wird: „Our current culture has created a special category of stress – the demand for instantaneous response to communication.“ Sie schlägt vor, das Antworten bewusst zu verzögern, um den Stresslevel zu senken. Auch der Kabarettist Gerhard Polt tritt in einem Interview im aktuellen SZ-Magazin 47/2011 für das „Schildkröterln“, das „Sinnlosen“, ja die Muße im allgemeinen ein.

Dies ist kein verzweifelter Appell an eine krankmachende Gesellschaft. Wenn man allerdings die Geschichte der psychischen Mode- oder Volkskrankheiten betrachtet, wundert man sich doch, wieso Gemütlichkeit in unserer Zeit eine so geringe Rolle spielt. Man kann daran als Einzelner nichts ändern. Man kann sich dem nicht einmal verweigern. Man muss immer weiter machen, bis man dann, wenn man Pech hat, ausgebrannt ist. Gerade in unserem Land sollte der Versuch unternommen werden, ein wenig Gemütlichkeit zu erhalten, bevor sie ausstirbt, gibt es dieses Wort doch in keiner anderen Sprache.

Haltet darum inne. Seid langsam. Und macht ab und an etwas völlig Verrücktes: Genießt einen Moment, ohne ihn direkt mit den Freunden im Internet per Smartphone zu teilen.

 

[Bildquelle: Flickr, Mylla]

1 Kommentar ...
  1. Ebenso regelmäßig wie neue stressbedingte Modekrankheiten kommt auch der Verdacht auf, dass die Menschen einfach zusehends zu Weicheiern werden.