Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Oh wie schön ist Kosovo

„Ach, sehen Sie, das ist gut, dass Sie das sagen“, sagt die Dame weiter. „Denn hätten Sie im Kosovo mit der Kreditkarte Geld abgehoben, ohne uns das mitzuteilen, hätten wir die Karte gesperrt – weil es sehr unwahrscheinlich ist, dass jemand in dieses Land fährt. Wir gehen dann von Diebstahl aus.“ Ah ja. Umsonst ist es aber.

kuhWir kommen gerade aus Belgrad und reisen daher aus Serbien in den Kosovo ein. Es wird einem vom Auswärtigen Amt dringend davon abgeraten, den Grenzübergang im Norden zu wählen. Denn dort gibt es immer noch Unruhen zwischen Kosovaren und der im Nordkosovo ansässigen serbischen Minderheit, die die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkennt und deswegen 2008 die Gemeinschaft der Gemeinden der Autonomen Provinz Kosovo und Metochien gründete. Unser Grenzübergang im Osten des Landes scheint aber sicher. Wir schlängeln uns eine romantische Bergstraße hinauf. Atemberaubender Blick, totale Einsamkeit, unterbrochen nur von einer Kuh, die mit einer Seelenruhe auf der Grenzstraße grast. Nein, die scheint wahrhaftig nicht an Transitreisende gewöhnt zu sein.

Auf dem Berg steht eine Wellblechhütte: der serbische Grenzposten. Zwei Soldaten sitzen davor, rauchen, lesen Zeitung. Wir warten. Ein dritter kommt aus dem Häuschen und nähert sich uns. Er winkt die anderen beiden schon einmal heran. „Are you tourists or terrorists?“ Na, die reden ja nicht lange drum herum. „Tourists?“, antwortet unser Fahrer leicht verunsichert und die Soldaten lachen sich schief. Wir sollen aber trotzdem nochmal den Kofferraum öffnen. In den hatten wir während der ganzen Fahrt immer die leeren Plastikwasserflaschen geworfen. Die purzeln jetzt sehr zum Amüsement der Grenzbeamten aus dem Auto und rollen ein ganzes Stück den Berg hinunter. Ansonsten lässt sich nichts beanstanden. Man hat ohnehin das Gefühl, dass die drei mehr aus Neugierde als aus Pflichtgefühl einen Blick auf unser Gepäck werfen wollten. Auch hier scheint man nicht an Besuch gewöhnt.

Der kosovarische Grenzsoldat hingegen ist alleine und spricht hervorragend Deutsch. Er arbeitete, so erzählt er, längere Zeit mit deutschen Soldaten zusammen. Auch er freut sich sehr über ein wenig Betrieb an seiner Grenze, ermahnt uns allerdings, dass wir beim nächsten Mal genug Euro mitbringen sollen – wir haben vollkommen vergessen, dass man für den Kosovo eine extra Versicherung bezahlen muss, natürlich in Euro. Wir geben ihm alles Kleingeld, das wir noch haben, und das reicht ihm dann auch.

Am frühen Abend erreichen wir Priština. Wir müssen ein paar Mal nach dem Weg fragen. Das ist immer eine herrliche Angelegenheit: Der Gefragte rennt in ein paar Läden und mobilisiert Leute, die wiederum ihre Kinder rufen und suchen, damit sie uns auf Englisch erklären können, in welche Richtung wir fahren sollen. Sehr zuvorkommend, die Kosovaren. Sehr engagiert. Das zeigt sich erneut, als wir uns auf die Suche nach einer Bank machen wollen: Ein Männerkopf taucht in einem Fenster im Hochparterre auf und fragt uns in gebrochenem Deutsch unaufgefordert, ob er uns erst einmal Geld leihen soll, bis wir welches abgehoben haben.

pristina

Priština am Abend ist ein enormes Gewusel. Die Fußgängerzone, die auf 200 Metern nagelneu und schick ist, quillt über vor Verkaufsständen, Straßenmusikern (die Ai se eu te pego spielen) und Flaneuren. Nach den 200 Metern kommt an beiden Enden Kies. Auf der einen Seite hängen an einem Zaun immer noch Bilder von Vermissten, und ein Gebäude, von dem es heißt, dass es früher einmal das Theater gewesen sei, zeigt noch deutliche Einschussspuren. Neben ein paar wenigen alten Gebäuden (Theater, Badehallen, Moschee) und den nagelneuen charakterlosen Hotels und Fresshallen gibt es die irrsinnige Bibliothek von Priština: Betonklötze mit seltsamen Kuppeln neben- und aufeinander sehen aus, als seien sie mit Draht umwickelt. Heiße moderne Architektur.

prizrenAuf unserem Weg nach Prizren, die andere Stadt, die wir noch besuchen, verlassen wir Priština über die Xhorxh-W.-Bush-Straße und den Boulevard Bill Clinton. Prizren ist bezaubernd: Eine Burg sitzt hoch oben über der Stadt. Schöne Kirchen und Moscheen prägen das Stadtbild, ebenso wie wieder aufgebaute alte, putzige Gebäude und einzelne ausgebrannte Häuser. Man kann sich gut vorstellen, dass der Charme noch größer sein muss, wenn es nicht seit Wochen über 40° C hat, und der Fluss, der jetzt ein übelriechendes Rinnsal ist, richtig Wasser hat. Eine alte Römerbrücke führt darüber. Auch sie wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut.

Aus dem Kosovo fahren wir über ganz neue Autobahnen, die das Land mit Albanien verbinden, und die großzügig von der EU gesponsert sind. Innerhalb des Balkans sind das wohl die modernsten und besten Straßen. Das Auto freut sich über die Abwesenheit von Schlaglöchern und Kiesstraßen und wir genießen den Luxus einer eigenen Spur ohne Gegenverkehr. Diese Autobahn ist nur eines von vielen Beispielen für die Entwicklung, die dieses junge Land durchmacht und für die enorme Lebendigkeit, die damit einhergeht. Das Spannendste dabei ist: Der Kosovo ist noch dabei sich zu erfinden – und wir waren für einen kurzen Moment dabei.

3 Kommentare ...
  1. neben der ja anschaulich beschriebenen schönheit des landes sollte noch angemerkt werden, dass sowohl übernachtungen als auch essen und getränke immens kostengünstig sind.

  2. ernest steinberg

    danke für den reisetipp und die weltbeschreibung. endlich mal eine reise gegen die tourismusströme. außerdem glückwunsch zu dem glänzenden titel!

  3. Ein freundliches Land voller hilfsbereiter Menschen. Schön, dass der Grenzbeamte euch an die Versicherung erinnert hat.