Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Ferien in Tschernobyl

Willkommen im sonnigen Tschernobyl lautet der deutsche Titel von Andrew Blackwells Buch. Schon der Name beschreibt die Paradoxie, der Blackwell seine Reisen widmet: Schönheit dort zu suchen, wo man sie am wenigsten vermutet. Wo andere lediglich einen havarierten Reaktor und eine verlassene Sowjet-Plattenbausiedlung sehen, gilt sein Blick der Natur, die sich diesen Ort nach der „Apokalypse“ zurück erobert. Und mitten zwischen kanadischen Ölsand-Raffinerien sucht und findet er eine grüne Oase. Das mag im ersten Moment seltsam anmuten: Sollte man nicht eher zeigen, wie schrecklich und trostlos unsere Welt an den Orten aussieht, die den menschlichen Bedürfnissen total unterworfen werden? Wäre es nicht verantwortlicher, die immense Umweltverschmutzung im amerikanischen Port Arthur oder im chinesischen Linfen in ihrer ganzen Grausamkeit zu zeigen? Blackwell jedoch tut etwas ebenso Wichtiges: Er zeigt uns unsere Welt, wie sie ist, wie wir sie gemacht haben, und macht uns begreiflich, dass selbst dort, wo auf den ersten Blick schon alles zerstört ist, diese unsere Welt noch schützenswert ist.

Betterson: In deinem Buch beschreibst du die traurigsten, dreckigsten Orte der Welt. Wie kommt man auf die Idee, dort Schönheit zu suchen?

Cover Blackwell

Andrew Blackwell: Ursprünglich war der Gedanke, die Suche nach Schönheit ironisch aufzuziehen. Mir schien es lustig und provokant zugleich, die verschmutzten Orte so zu behandeln, als wären sie wunderbar und natürlich. Klar, das war wohl kurzsichtig. Denn es ist an vielen verschmutzten Orten genauso schön wie anderswo – sowohl in äußerlicher als auch in sozialer Hinsicht. Man kann dort genauso viel entdecken oder sogar Abenteuer erleben. Wir halten Orte ja vor allem deswegen für hässlich, weil wir vorgefasste Meinungen davon haben, was als schön gelten kann. Allerdings riechen auch viele Orte richtig scheiße.

Aber ist es nicht auch zynisch, Schönheit dort zu suchen, wo der Mensch alles kaputt gemacht hat?

Überhaupt nicht. Ich finde es zynisch, die Hässlichkeit eines Ortes dermaßen übertrieben darzustellen, wie es viele Journalisten tun. Sie wollen damit einen politischen Standpunkt über die Umwelt vertreten. Ich stimme diesen Standpunkten auch zu. Das heißt aber nicht, dass es sonderlich sinnvoll ist, solche Karikaturen von Orten mit Umweltproblemen heraufzubeschwören. Vor allem deswegen nicht, weil diese Orte – wie andere auch – mehrere Seiten haben.

Hat sich denn deine Sicht auf die Welt und deren Verschmutzung geändert?

Ich interessiere mich heute viel weniger für diese vereinfachten Vorstellungen davon, was als “natürlich” oder “rein” zählt. Diese Welt braucht keine Umweltschützer, denen es nicht gelingt, die menschliche Zivilisation in ihre Visionen zu integrieren, und die stattdessen ihre Tagträume von unberührter Natur aufrecht erhalten wollen.

Hat sich dadurch auch in deinem täglichen Verhalten etwas verändert?

Ich bin jetzt mehr denn je überzeugt davon, dass städtisches Leben die nachhaltigste Form der menschlichen Existenz auf dieser Welt ist. Aber ich wohnte ja ohnehin schon in New York City. Darum hatte ich mich also schon gekümmert. Wenn ich Umweltschutz richtig ernst nehmen würde, dann würde ich außerdem aufhören zu reisen.

Du bezeichnest dich selbst als „Umweltverschmutzungstourist“ und bist auf diesem Gebiet sozusagen Pionier. Was unterscheidet dich von einem normalen Touristen (abgesehen von den Reisezielen)?

Jeder, der sich eine gewisse Unvoreingenommenheit bewahrt (und ab und zu die Luft anhält), kann ein guter Umweltverschmutzungstourist sein. Man muss natürlich Lust haben, neue Sachen kennenzulernen. Aber das trifft ja auf alle interessanten Reisen zu, auch wenn sie nichts mit der Umwelt zu tun haben.

War es schwierig eine Auswahl der Orte zu treffen?

Also auf jeden Fall war es nicht schwierig, genug Orte zu finden. Die Welt ist prall gefüllt mit verschmutzten Reisezielen. Die Kunst war, sich zu beschränken und eine Liste von verschiedenen Orten zu erstellen, die verschiedene Umweltprobleme repräsentieren und unterschiedliche Aktivitäten für Touristen ermöglichen.

Gibt es Orte, die du noch gerne bereisen würdest – eventuell auch, um eine Fortsetzung zu schreiben?

Viele, viele, viele! Ich wäre gerne nach Pakistan gefahren, um mir die Strände anzusehen, an denen ausgediente Schiffe verschrottet werden. Ich hätte gerne die Ölfelder im Nigerdelta besucht. Ich hätte gerne für eine Zeit auf einer der gigantischen Müllhalden auf den Philippinen gelebt. Außerdem würde ich gerne nochmal im Winter nach Tschernobyl fahren. Vor allem mit der Aussicht darauf, die Wildpferde und Wölfe zu sehen. Aber ich würde auf keinen Fall eine Fortsetzung schreiben. Ich habe eigentlich alles gesagt, was ich loswerden wollte.

Was war das krasseste Erlebnis?

Auf dem Rückweg vom großen Müllteppich im Pazifik wurden die Crew und ich von einer riesigen Welle durchnässt, die während eines Sturms unser Schiff überrollte. Das was überraschend, aber auch erschreckend – und kalt.

Und was hat dich während dieser Zeit am meisten geprägt?

Mein Privatleben zerbrach völlig, aber auch das hatte seine Vorteile. Denn diese enttäuschende Entwicklung meines eigenen Lebens schien mir eine sehr starke Metapher zu sein für die Akzeptanz, mit der wir einer enttäuschend unvollkommenen Welt begegnen müssen. Wo ich es jetzt sage, fühlt es sich lächerlich weit hergeholt an, aber zu der Zeit fand ich es mächtig tiefsinnig. Umweltbewusste Menschen halten tatsächlich an der Vorstellung einer Welt fest, die es lange nicht mehr gibt.

Was ist deine Einstellung zu den USA in Umweltfragen?

Meine Einstellung ist, dass die USA sehr groß sind und einen riesigen Hunger haben.

Hast du in diesem Zusammenhang einen Ratschlag für deine Mitmenschen?

Nicht direkt einen Ratschlag. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen eine Einstellung zur Umwelt haben, die nicht nur ihr eigenes Selbstwertgefühl steigert. Oder die sie selbst und andere Leute in ihrem Umfeld nicht einfach nur in Schubladen steckt. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt möglich ist.

Würde sich nicht – neben dem Buch – auch ein Dokumentarfilm anbieten?

Der Plot wäre ja dann, wie ich – mal mehr mal weniger als Reporter – ziellos an seltsamen Orten umherwandere, manchmal mit akutem Liebeskummer, fast immer in Sorge, dass ich die Deadline nicht einhalten kann. Das wäre wohl kein so toller Film.

Am Schluss noch ein Kompliment: Dein Buch ist gleichzeitig erhellend, aufrüttelnd, traurig, unterhaltsam und lustig. Eine faszinierende Kombination. War es schwierig, es an den Mann zu bringen und hast du damit gerechnet, dass es in andere Sprachen übersetzt wird?

Vielen Dank! Es war tatsächlich überraschend einfach, einen Verlag zu finden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das daran lag, dass es wirklich einfach ist, Lektoren zu überzeugen, oder daran, dass ich einfach über eine gute Idee gestolpert bin, die sie gerne unterstützen wollten. Ich konnte überhaupt nicht einschätzen, ob es übersetzt werden würde… obwohl ich sehr froh bin, dass es dazu gekommen ist.

 

[Bildquelle: Flickr, Richard van den Belt; Ludwig Verlag]

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