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Die Domestizierung der Dandys

Pro7 zeigt an drei von sieben Abenden pro Woche zur Primetime Serien. Tagsüber läuft von Montag bis Samstag bis ca. 16.00 kaum etwas anderes. Wann immer man den Fernseher einschaltet, hat man die Möglichkeit eine neue (oder alte) Episode einer Sitcom oder einer Drama-Serie zu sehen. Serien sind längst beliebter als Filme. Wenn sich also ein Trend in der Unterhaltungsindustrie manifestiert, so lässt sich dieser wohl am besten an Serien beobachten. Was kann man feststellen? Einer der eindrücklichsten und sonderbarsten Männercharaktere ist zurück. Doch ist der Dandy heute keine tragische Figur mehr; er ist ein schelmenhafter Frauenheld, ausgestattet mit einer für ihn eigentlich undenkbaren Eigenschaft: Er kann errettet werden.

In der Epoche der Décadence führte die Kritik an festen Rollenmodellen zur Herausbildung neuer Frauencharaktere. Die Femme Fatale, der Vamp und andere Frauenfiguren richteten sich gegen eine Unterdrückung und Unterordnung der Frau; es entstanden sozusagen vermännlichte Frauencharaktere. Gleichzeitig wurde der Mann verweiblicht. Als Resultat entstand unter anderem der Dandy. Er zeichnete sich durch sein Existenzideal neuer Verhaltens- und Lebeweisen aus: Er war Einzelgänger im Rahmen einer Gesellschaftsgruppe der High Society, immer bestrebt, diese durch seinen schauspielerischen Umgang mit der Realität vor den Kopf zu stoßen. Dazu gehörte das Bewusstsein, in einer Endzeit zu leben, extremer Müßiggang mit gesteigerter Aktivität in Bezug auf die Selbstverwirklichung – hier war Homosexualität ein wichtiges Motiv. Auch Selbstkontrolle, Selbstbeobachtung, die Stilisierung zum Unbeeindruckbaren und eine daraus resultierende Liebesunfähigkeit waren Teil seiner Eigenschaften. Das Bestehende wurde in der Figur des Dandy durch Ironie und Selbstironie und durch eine Umkehrung der gewohnten Werte aufgelöst. „I have put all my genius into my life; I have put only my talent into my work“, schrieb Oscar Wilde – das Leben wurde als Kunstwerk inszeniert.

Bekannte Beispiele in der Literatur sind Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray oder A rebours von Joris-Karl Huysmans. Die Hauptfiguren beider Romane, Dorian Gray und Jean Floressas Des Esseintes, sind Paradebeispiele für die Figur des Dandy: Beide streben nach dem Erleben unbekannter Gefühle und bleiben dadurch immer unbefriedigt und einsam. Die Unfähigkeit zu lieben und eine Abwertung der Frauenfiguren als „Rennpferde“ oder „Paradiesvögel“ lässt nur kurze amouröse Abenteuer zu. Sie ziehen sich in ihren dekadenten Lebensstil zurück, leben in materiellem Überfluss. Am Ende müssen sie scheitern – an ihrer Eitelkeit, ihrer Müdigkeit, ihrer Einsamkeit, ihrem Lebensstil. Während Dorian stirbt, bleibt das Schicksal Des Esseintes’ offen, er wird allerdings zur Rückkehr in die Gesellschaft gezwungen.

Im Unterhaltungsmedium der Serie wird dieser Männercharakter nun neu belebt. Einiges hat sich geändert an der müden Figur des Dandy, vieles ist gleich geblieben. Erstaunlich ist allerdings die Dichte, in der er auftritt: Jess Mariano und Logan Huntzberger aus den Gilmore Girls – der eine als gleichgültiger Bad Boy, zu schön und zu klug, um innerhalb der Gesellschaft zu existieren, der andere als verwöhnter Sohn reicher Eltern, der ein Leben in materiellem Überfluss genießt und in elitären Zirkeln versucht, den ultimativen Kick zu erleben. Auch Mr. Big aus Sex and the City ist ein Dandy; er ist ein ewiger Junggeselle, unfähig sich zu binden, und genießt sein oberflächliches und ausschweifendes Leben, das nur seiner Eitelkeit schmeichelt. Selbst in der Jugendserie Gossip Girl, die den Traum normaler Mädchen nach einem Leben als superreiche Schlampe zum Thema gemacht hat, findet sich ein Dandy – noch in einer Schuluniform. Auch Chuck Bass ist unfähig zu lieben und schlendert schon mit seinen zarten 16 Jahren im Seidenbademantel durch seine Hotelsuite, in der Hand ein Glas Whiskey. Das ist Décadence pur.

Auch kann es kein Zufall sein, dass die ARD in diesem Jahr ihre Normalo-Soap abgesetzt hat, um der Schönen-und-Reichen-Welt in Verbotene Liebe doppelt so viel Platz einzuräumen. Das Publikum will keinen Klempner und keinen Blumenladen mehr, es will den Dandy.

Die beiden wichtigsten Vertreter dieses erneuten Auflebens des Dandy sind aber eindeutig Charlie Harper und Barney Stinson. Der neue Dandy ist so beliebt, dass diese beiden Whiskey und Zigarren liebenden Playboys der Hauptgrund für den enormen Erfolg der Sitcoms Two and a half Men und How I met your Mother sind. Der Unterschied zu den davor genannten Charakteren besteht einzig in der humoristischen Darstellung der Figuren. Und vermutlich ist es gerade dieser spielerische Umgang mit dem eigentlich so traurigen Dandy, der den Erfolg garantiert. Auch als missverstandener, eitler Scheißkerl kann man geliebt werden – von den Fans und von den Frauen.

Was nämlich den neuen Dandy vom ursprünglichen Typus unterscheidet, ist, dass er sich domestizieren lässt. Die Botschaft lautet: Ist die Frau großartig genug, berührt sie den Dandy auf eine neue Weise, so kann er eingefangen werden. Er ist auf einmal zu hingebungsvoller und bedingungsloser Liebe fähig, kann sich verloben oder sogar heiraten. Sowohl Jess als auch Logan verfallen Rory Gilmore. Ihr gelingt es, aus beiden willkommene Mitglieder der Gesellschaft und adäquate Schwiegersöhne zu formen. Cary Bradshaw zerrt Mr. Big vor den Altar und auch Chuck Bass wird von der Richtigen ein „Ich liebe dich“ entlockt. Selbst Charlie und Barney verlieben sich und verbringen ihr weiteres Leben nach diversen Rückfällen schließlich monogam. Der Grund für diese Wandlung könnte darin liegen, dass das Dandytum der Protagonisten in allen diesen Fällen wohl kaum in einem Gesellschaftskomplex besteht. Vielmehr resultiert es aus einem Vaterkomplex. „Die richtige Frau ist die richtige Therapie“ macht uns das Konzept der Serien glauben. Das scheint das Ideal der Unterhaltung zu sein.

Ja, der Dandy ist wieder da, in abgeschwächter Form, die weniger deprimiert als vielmehr hoffnungsvoll stimmt. Man darf gespannt sein: Gibt es bald der widerspenstigen Femmes Fatales Zähmung? Wird der Bildungsroman zur Sitcom? Oder kehren wir, haben wir uns an den Dandys übersehen, zurück zum klassischen Helden, der die schwache Frau aus ihrem Unglück rettet?

[Bildquelle: DandiesFan, Wikimedia Commons]

3 Kommentare ...
  1. ernest steinberg

    super kulturjournalismus! kennst du von siegfried kracauer das bändchen “das ornament der masse”? ebenfalls sehr lesenswert – atmet einen verwandten geist.

  2. Das ist ja schlimm! Wenn man erst mal dieses Muster durchschaut hat, werden ja alle Serien furchtbar langweilig…OK, so schlimm ist das auch wieder nicht:)

  3. Sehr gute Analyse! 99% der Leute fällt nicht einmal die eklatante Übereinstimmung von Charly Harper und Barney Stinson – “nichts Neues im Westen”, sowas langweilt doch wirklich… spätestens nach 3 staffeln… die Serien flachen leider auch inhaltlich ab, weil der Dandy einfach nicht mehr hergibt, als 3 Staffeln… alles andere ist purer Kommerzialismus und das Ausnutzen des Fernseh-Junkie Syndroms…