Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Die Coca-Cola-Frechheit

In Coca-Cola-Werbespots gibt es lebendige Marionetten, seltsame Retro-Menschen, die zum schrägen Gekrächze von Puschel-Fabelwesen tanzen oder den Weihnachtsmann. Es handelt sich um Fantasiewelten, die in den 30 Sekunden eines Werbespots Lust auf das Produkt machen sollen. Die Betonung liegt auf Fantasie, denn keiner von uns glaubt nach einem Werbespot an den Weihnachtsmann. Im neuesten Spot wird uns wiederum eine Welt vorgegaukelt; nur diesmal sollen wir glauben, was wir sehen. Dort heißt es:

„Eine 2010 durchgeführte Studie zur Lage der Welt belegt

  • Auf jeden produzierten Panzer … kommen 131.000 produzierte Kuscheltiere.
  • Auf jede Mauer auf der Welt … kommen 200.000 „Willkommen“-Fußmatten.
  • Während ein Wissenschaftler eine neue Waffe entwickelt … backen 1 Mio. Mütter einen Schokoladenkuchen.
  • Es gibt mehr lustige Videos im Internet … als schlechte Nachrichten auf der Welt.
  • „Liebe“ hat mehr Treffer als „Hass“.

Es gibt viele Gründe an eine bessere Welt zu glauben.“

Warum aber wiegen 131.000 Kuscheltiere einen Panzer auf? Die Welt wird anscheinend besser, indem gut genährte Kinder mit Kuscheltieren überschüttet werden, die zu menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in der dritten Welt produziert werden – vermutlich von Kindern, die keine Stofftiere haben, dafür aber die Wirkung von Panzern besser kennen als jedes Kind der westlichen Welt. Aber solange genug Schokoladenkuchen uns fett und zufrieden macht, kann es ja herzlich egal sein, was für Panzer und Waffen in der Welt entwickelt und eingesetzt werden.

Wie seriös die 2010 durchgeführte Studie zur Lage der Welt ist, zeigen auch die „Willkommen“-Fußmatten, die keinerlei Aussagekraft haben: Die Mauern, die durch die Matten aufgewogen werden, stehen für die Unmöglichkeit als Fremder oder als Feind hinter die Mauer zu gelangen. Menschen, die „Willkommen“-Fußmatten vor ihren Türen haben, halten das tatsächlich ähnlich – Fremde und Feinde kommen nicht einfach in die Wohnung hinein, nur weil „Willkommen“ davor steht.

Dann fragt man sich doch, wer hat eigentlich die schlechten Nachrichten und die lustigen Videos gezählt? Wie zählt man so etwas überhaupt? Woher weiß man, wann man sie alle gezählt hat und dass kein Video doppelt vorkommt? Und könnte es nicht sein, dass Liebe mehr Treffer als Hass hat, weil es bei der einen Hälfte der Seiten um Schnulzen geht und bei der anderen Hälfte um Sex? Wenn die Googelnden zu alt für ihre Kuscheltiere geworden sind, dann hören sie eben James Blunt. Und wenn sie aus dieser Musik rausgewachsen sind, dann wollen sie Sex. Punk und Avocados sind nicht hipp genug. So einfach ist das.

Der Werbespot versucht uns also weis zu machen, dass die Welt eine bessere ist, wenn wir genug Luxusprodukte haben und „Upps – Die Pannenshow“ auf SuperRTL läuft. Coca-Cola geht anscheinend von einem Glücks-Gleichgewicht aus, dass immer stabil bleiben muss: Geht es Menschen schlecht, muss es eben irgendwo auf der Welt wiederum Anderen besser gehen. Geht es Menschen noch schlechter, backen wir einfach einen Kuchen und erhöhen unser Glück um den Genuss des Konsums.

Dies alles wäre zynisch und widerlich genug, wenn ein anderer Konzern solche Ideen verbreiten würde. Allerdings handelt es sich zu allem Überfluss auch noch um Coca-Cola. Es ist ein Konzern, der dreckiges Themse-Wasser gewinnbringend verkauft, der in Panama Wasser mit Färbemitteln verschmutzt und dessen Gewerkschaftler in Kolumbien plötzlich ermordet werden. Damit nicht genug wird Coca-Cola Diskriminierung von Schwarzen und HIV-Infizierten in den USA und Afrika vorgeworfen, sowie die Verletzung von Menschenrechten, Vertreibung, Entführung und vieles andere. 1998 errichtete der Konzern eine Abfüllanlage in Indien, die täglich bis zu einer Million Liter Grundwasser verbrauchte. Der Salz-, Kalzium- und Magnesiumgehalt sowie die Wasserhärte stiegen durch die Absenkung des Grundwasserspiegels daraufhin derart, dass das Wasser als Trinkwasser und zur Bewässerung nicht mehr geeignet war; auch deswegen, weil Coca-Cola schwermetallhaltigen Dünger verwendete, der ins Trinkwasser geriet. Der Konzern übernahm dafür keine Verantwortung.

Die Hintergrundmusik des Werbespots ist eine Kinderchor-Version von Oasis’ „Whatever“ – ein Titel, der die Sorge des Konzerns um unsere Welt gut beschreibt. In diesem Song heißt es: „You always see what people want you to see.“ Wie will Coca-Cola, dass wir die Welt sehen? Auf jedes Kind in Indien, dass nicht genug zu trinken hat … kommen genug Liter Cola für uns. Danke Coca-Cola, dass ihr uns die Hoffnung auf eine bessere Welt wieder gebt. Das haben wir wirklich nötig.

[Bildquelle: bryanh, Flickr]

25 Kommentare ...
  1. Schöner Artikel! Nur das mit den Avocados habe ich nicht verstanden. Und ja, ich stehe dazu: auch ich höre ab und zu James Blunt gerne! ;-)

  2. Die Avocados, die du in Deutschland kaufen kannst, heißen Hass-Avocados. Darauf spielt das an.

  3. Es ist immer wieder so einfach, ein Logo, eine Firma, ein Konzern für die Missstände in der Welt verantwortlich zu machen. Ich finde es jedoch sehr pauschalisiert.
    Denn nicht Coca-Cola ist dafür verantwortlich, dass in manchen Ländern Rassismus öffentlich ausgelebt wird oder Gewerkschaftler umgebrahct werden. Es sind die Menschen selbst. Und diese Handeln so, wie es in Ihrem Land “üblich” ist. Leider!
    Dass Coca-Cola sich in der Welt verbreitet und dabei auch Arbeitsplätze zur Verfügung stellt, lassen wir, die so gerne alles kritisieren und alles besser machen würden, mal eben außer Acht.
    Und ja, ich brauche die Hoffnung auf einer besseren Welt, ob mit oder ohne diese Werbung.
    Für alle anderen, die das nicht nötig haben, hoffe ich, dass sie kein schlechtes Gewissen haben, vom Kapitalismus zu profitieren, um am Ende des Tages über den Kapitalismus zu schimpfen.

  4. Keiner macht Coca-Cola für Rassismus oder Mord an Gewerkschaftlern verantwortlich. Wenn du das aus dem Artikel rausgelesen hast, hast du was falsch verstanden. Für die Abfüllanlage in Indien aber ist Coca-Cola verantwortlich. Darauf gehst du gar nicht erst ein, weil es da mit Gegenargumenten schlecht aussieht.
    Hier geht es aber eher um die Verharmlosung von Leid und das durch den Konzern Coca-Cola. Und dass du das in Ordnung findest, stimmt mich nachdenklich.

  5. Also wenn hier einer pauschalisiert, dann bist es du, Calic. Denn du tust ja so, als wären die Kolumbianer einfach grundböse und würden sich deswegen gegenseitig umbringen. Dass das aus Armut passiert, oder aus Druck (beides wohl kaum selbstverschuldet, oder würdest du auch sagen, Kolumbianer sind faul?) ist dir wohl egal…

  6. Ich sehe in diesem Artikel keinerlei Pauschalisierung zum Ausdruck gebracht und auch nicht im Ansatz den Versuch, Coca-Cola für alle Missstände dieser Welt verantwortlich zu machen. Darum geht es der Autorin offensichtlich nicht. Sie will herausstreichen, dass ein Konzern, der mit vielerlei Menschenrechtsverletzungen in Verbindung gebracht wird, sich nicht erdreisten darf, Krieg und Konflikt mit nichtigen Konsumgütern aufzuwiegen. Ferner stecken natürlich hinter den einzelnen angesprochenen Aktionen im Umfeld von Coca-Cola Menschen, doch sind diese dann unter anderem bei Coca-Cola angestellt, weshalb das berechtigterweise auf den Konzern zurückfallt. Das Argument mit den Arbeitsplätzen entspringt entweder vollkommener Ahnungslosigkeit oder blankem Zynismus. Denn erstmal ist es ja kein humanitärer Akt von Coca-Cola, wenn dort die Situation armer Menschen zur Maximierung des Profits ausgenutzt wird. Und zweitens lässt sich relativ leicht sehen, dass die Handelsliberalisierungen auf Druck von Großkonzernen oftmals die heimischen Wirtschaftsgrundlagen in Entwicklungsländern schwächen und die Menschen vor allem in die ausweglose Abhängigkeit drängen. Außerdem ist das Faktum der Grundwasserverschmutzung noch nicht mal mehr von den kühnsten Feinden eines kritischen Weltbildes mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu rechtfertigen. Und somit kommen wir zum schwerwiegendsten Punkt dieses Kommentars von Calic: Wenn Leute in Kriegen umkommen und jede Minute Menschen verhungern, ist es wohl schon eine äußerst pietätlose Selbstüberhöhung als gesättigter Deutscher, das eigene Bedürfnis nach der Hoffnung auf eine bessere Welt hervorzuheben, zumal wenn dieses anscheinend durch möglichst viele Konsumgüter zum Ausdruck gebracht wird. Und als Letztes: Ja, die Autorin und auch ich haben unser Leben lang vom Kapitalismus profitiert, aber zumindest für uns ist das noch kein Grund, sich selbstgerecht Dinge zurecht zu biegen und bestimmte Strukturen und Ereignisse auf dieser Welt vollkommen unreflektiert zu akzeptieren.

  7. Das Geschäftsgebaren von Coke Inc. ist nicht schlimmer als das der meisten global agierenden Großkonzerne. Der Werbespot allerdings, der das (übrigens durchaus gesundheitsschädigende) Produkt Coca Cola in mit einer naiv-dümmlichen Sichtweise von Krieg und Schrecken der Menschheit in Verbindung bringt, ist pervers. Wer das nicht versteht, kann sich getrost in die Zielgruppe dieser primitiven Marketingkampagne einordnen und darf seine Cola auch weiterhin gedankenfrei genießen. Wohl bekomm’s!

  8. Um Missverständnisse in meinem Text zu lösen: ich finde es nicht OK mit Kuscheltieraktionen von Kriege, Mord, Rassismus, Umweltverschmutzung etc. abzulenken. Ich persönlich, und das ist der Grund, warum ich auf diesen Artikel reagiert habe, habe in der Vergangenheit immer wieder Kritik an Coca-Cola gehört. Meine Meinung als “pietätlose Selbstüberhöhung als gesättigter Deutscher” hinzustellen, ist in diesem Falle voreilig kritisiert.
    Diese Aussage, Maxi, solltest Du grundsätzlich überdenken.
    Denn ursprünglich komme ich nicht aus Deutschland, sondern aus einem Land, in dem viele Menschen, vor allem diejenigen, die auf höchster Ebene Einfluss haben, Korruption als Hauptmahlzeit konsumieren.
    Dennoch hoffe ich auf einer besseren Welt.
    Und um vorzubeugen, als Cola-Junkie oder Freund hingestellt zu werden, an mir verdienen sie kein Geld.

  9. jeder hofft doch auf eine bessere welt. aber coca-cola und die werbung haben auf diese hoffnung doch einen einfluss. es sei den coca-cola änderte etwas an ihrer herstellung, firmenpolitik, etc.

  10. calic, deine herkunft hat keinen einfluss auf die aussage, die du triffst. wenn coca-cola aus georgia in den usa die order gibt, millionen menschen trinkwasser zu verwehren, dann ist das schlicht ein verbrechen. es wird nur nicht geahndet. und da ist niemand schuld dran, außer coca-cola. kein inder, der die fabrik baut oder darin arbeitet, um seinen lebensunterhalt zu verdienen.

  11. Die Lösung für das Saudi-Arabien-Panzerproblem der Regierung lautet nach Coca Cola also: Der Deal geht klar, wenn die saudischen Kinder Plüschbären bekommen?
    Nein, aber jetzt mal ehrlich, die Werbeagentur, die sich diesen Spot ausgedacht hat ist – gelinde gesagt – verrückt. Diese politischen Themen, die in dem Spot angeschnitten und so saudumm mit Zuckerwatten-Hallo-Kitty-Fantasien kontrastiert werden, werden doch viele Menschen verärgern und über das Produkt kritisch nachdenken lassen. Das ist eindeutig ein Griff ins Klo!

  12. Ich wünschte, dieser Spot wäre ein Griff ins Klo. Aber wenn ich die Youtube-Kommentare (zur englischen Version) lese, muss ich leider feststellen: die Masse findet das ganze inspirierend bis erhebend. Den Agentur-Zynikern, die sich diese Nummer ausgedacht haben, kann ich nur gratulieren. Sie wissen, was sie tun.

  13. ernest steinberg

    mein freund augusto aus kolumbien hat immer gesagt, du bekommst von den usa 2 flaschen coca cola, aber sie holen sich 3 flaschen zurück.

  14. Naja, der Augusto aus Chile ist mit dieser US-Poltik ja ganz gut gefahren…

  15. Der wurde ja auch von einem amerikanischen Fifafunktionär installiert.

  16. ernest steinberg

    der augusto aus chile war nicht mein freund, sondern der von f. j. strauß.

  17. Hätte mich auch gewundert.

  18. Am Rande sei bemerkt: wir veröffentlichen nur Kommentare, die unter einer plausiblen E-Mail-Adresse abgegeben werden. Im Zweifelsfall schreiben wir den Autor an, um uns die Echtheit der Adresse bestätigen zu lassen. Ansonsten gilt: auch kritische Kommentare werden veröffentlich, sofern sie nicht beleidigend sind (passiv-aggressiv wird auch abgelehnt).

  19. Schön ist die Welt « Häppchenweise

    […] Nicht meine Meinung, sondern die einer Bekannten, geäußert in einem Blog, für das sie schreibt (http://betterson.de/welt/die-coca-cola-frechheit/). Nun mag man zurecht zweifeln, ob denn ein Softdrink, massenhaft produziert und unter die Völker […]

  20. ihr scheint diese ominöse studie ja alle ziemlich genau zu kennen dann sagt mir doch mal bitte wer sie durchgeführt hat und wo ich sie einsehen kann. ich habe bisher auf jedenfall noch keinerlei näheren informationen dazu gefunden und glaube auch nicht dass es sie wirklich gibt (ne studie wieviele kuchen gebacken werden ich lach mich tot und dass soll seriös sein!?).
    aber diskutiert mal schön weiter über den marketingquatsch der company.
    dann hats wohl funktioniert.

  21. liebe/r hmmm, steht das nicht auch genau so im artikel drin? ich verstehe deshalb deinen einwand nicht ganz.

  22. Ich frage mich auch, wie viel Natur der Bau einer Coca Cola Firma zerstört! Und wieviel Bäume abgeholzt werden um die Rohstoffe f+r ein paar Liter Cola anbauen zu können?

  23. Sehr schön Ginka,
    ähnliche Gedanken schossen mir auch durch den Kopf, als ich diesen “wohlfühl”-Spot das erste mal gesehen habe.

    Hier ein paar Links zum weiterlesen:

    – (LMd) Cola löscht den Durst nicht
    http://www.monde-diplomatique.de/pm/.search?ik=1&mode=erw&tid=2005%2F03%2F11%2Fa0039&ListView=0&sort=1&tx=Cola&qu=MONDE

    – (LMd) Dossier Wasser: Wie viel Wasser für wen
    http://www.monde-diplomatique.de/pm/.search?ik=1&mode=erw&tid=2005%2F03%2F11%2Fa0036&start=3&ListView=0&sort=1&tx=Cola&qu=MONDE

  24. maria meyer

    also ich finde es eine Niedliche Idee und glaube kaum, dass sich die leute von Coca Cola etwas böses im hinterkopf hatten … ist doch süß : ” .. immer an das gute glauben ” – man braucht doch auch mal eine schöne nachricht am tag .. und seid mal erlich .. jetzt , hinterher, seid ihr ja alle schlauer, aber ich wette, dass keiner von euch auf eine so tolle und wenigstens mal geschmackvolle sache für eine werbung gekommen wäre – also hört auf !

  25. @maria meyer: Du glaubst es, aber niemand weiß was Coca Cola wirklich in den Gedanken hat … jetzt mal etwas übertrieben, aber du weißt nicht vielleicht schütten sie in jede Coke oder so irgendwas ekliges oder giftiges!