Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Die Bestnote für neuntausend Pfund im Jahr

Cambridge, Oxford, LSE: Hört ein Deutscher diese Namen, erstarrt er in der Regel vor Ehrfurcht. Für alle, die sich mehr sogenannte Elitenförderung in Deutschland wünschen, stehen diese Orte –  neben den amerikanischen Äquivalenten Harvard, Princeton, MIT et al. – symbolisch für die anglo-amerikanische Führungsrolle in Bildung und Forschung. Wer diese in Frage stellt, wird ganz einfach auf Rankings und Nobelpreisvergaben verwiesen, in denen amerikanische und britische Universitäten führend sind. Doch es ist jedem, der sich noch nicht die allumfassende Markt- und Marketinglogik hat aufdrängen lassen, offenbar, dass vor allem Bildung, aber auch Forschung viele Aspekte aufweisen, die im Maßsystem der Rankings und Preise nicht erfasst werden. Abgesehen davon, dass viele der erfolgreichen Wissenschaftler dieser Topuniversitäten eingekauft und nicht im Land selber ausgebildet wurden.

Seit einiger Zeit kann ich hautnah miterleben, welche Mängel das akademische System des Vereinigten Königreichs bis in die Spitze plagen. Meine Einsichten als Promovend an einem hoch angesehenen College, das sich selbst immer wieder als Weltklasseuniversität hervorhebt und sich dabei auf vordere Plätze in weltweiten Universitätsrankings beruft, ermöglichen die hier ausgeführte Kritik der angelsächsischen Bildungsideologie und deren Folgen.

Amerikanische und britische Universitäten sind in erster Linie Unternehmen, die ihren Kunden, den Studenten, vor allem eine berufliche Ausbildung anbieten und die Idee akademischer Bildung vernachlässigen. Genau diese Tendenz, institutionalisiert durch die Bologna-Reformen, zeichnet sich verstärkt auch in anderen europäischen Ländern wie beispielsweise Deutschland ab. Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier beschreibt in seinem Buch “Performer, Styler, Egoisten: Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben” die Anpassung der Bildungsinhalte und -verwaltung an die wirtschaftliche Logik. Doch gymnasiale und akademische Bildung ist in Deutschland immer noch größtenteils öffentlich und kostenlos und das bringt sowohl den Universitäten als auch den Studenten enorme Freiheiten im Vergleich zur Situation in Großbritannien. Man kann gerne über Sinn oder Unsinn von Studiengebühren diskutieren, gerade vor dem Hintergrund der Verteilungsgerechtigkeit, doch ein fataler Effekt der hohen tuition fees in der UK ist offensichtlich: Bildung wird zum Investment, das sich nur lohnt, wenn der Kunde am Ende einen gut benoteten Abschluss erhält, mit dem er sich auf den Arbeitsmarkt wagen kann. Dieser Logik folgend hob vor einiger Zeit ein Autor der Studentenzeitung des Imperial College hervor, dass unter den Universitäten ein Wettbewerb um Studenten stattfinde. Voller Begeisterung schilderte der Autor, dass Universitäten, die nicht den Auswahlkriterien ihrer potentiellen Kunden genügen, am Ende der natürlichen Auslese des Marktes zum Opfer fallen. Doch gibt es in erster Linie zwei solche Auswahlkriterien: Die Wahrscheinlichkeit, einen gut benoteten Abschluss zu bekommen, und der Ruf der Universität. Letzteres hängt mit Ersterem partiell zusammen und sogar Universitäten wie Cambridge und Oxford, aber viel stärker noch die anderen Universitäten versuchen möglichst viele ihrer Studenten/Kunden mit einem guten, oft sehr guten Abschlusszeugnis zufrieden zu stellen. Die Konsequenzen für das Bildungsniveau sind offensichtlich verheerend.

Ich war vor einigen Monaten auf einer von Studenten organisierten interdisziplinären Konferenz in Bonn. Die Teilnehmer kamen aus verschiedenen Bereichen, vor allem Mathematik und Philosophie oder beidem zugleich, und reisten von vielen verschiedenen deutschen Universitäten an. Das Niveau der Diskussionen war ausgesprochen hoch und es fand ein angeregter Austausch über ein großes Spektrum von Themen statt. Eine solche Veranstaltung scheint mir in Großbritannien undenkbar, wenn überhaupt, dann nur in einem Elfenbeinturm wie Cambridge. Denn die Idee der marktkonformen Bildung schlägt sich sowohl in der Bandbreite der universitären Bildung als auch in der Studienzeit und Altersstruktur der Studierenden nieder. Mit 17, maximal 18 Jahren, kommen die Leute an die Uni, wo sie meistens einen dreijährigen Bachelorabschluss machen, um sich dann ohne Erfahrung und wirkliches Fachwissen einen Job bei einer Versicherung oder Bank zu suchen. Chancen auf einen attraktiven Job hat man zumeist eh nur, wenn man auf einer der fünf Spitzenuniversitäten war. Ein Master ist für viele zu teuer, ein zweites Studienfach gar nicht erlaubt. So züchtet man sich eine willfährige, unverbrauchte Arbeitsmasse heran, die einer dienstleistungsbasierten Ökonomie dienen kann. Diese wiederum ist genauso substanzlos wie das Bildungssystem und gedeiht allein auf der Basis eines postkolonialen Wirtschaftssystems. Während man andernorts produziert, handelt man im Vereinigten Königreich mit Wertpapieren.

Natürlich sollte man die andere Seite der Medaille nicht unerwähnt lassen. In der Forschung verfügen amerikanische und britische Topuniversitäten oftmals über deutlich mehr finanzielle Mittel und Ressourcen als beispielsweise deutsche Universitäten und besonders die höheren Gehälter ziehen internationale Spitzenwissenschaftler an. Mag das Niveau auf der Ebene der Undergraduates oft miserabel sein, so wird PhD-Studenten, vor allem in den USA, oft sehr viel abverlangt. Die Universitätsrankings sehen auf den ersten zehn Plätzen in der Regel nur amerikanische und britische Universitäten. Das entscheidende Kriterium ist hier allerdings die Anzahl von Publikationen in hochkarätigen Journals, ein formeller, quantitativer Maßstab, der den angelsächsischen Ökonomisierungswahn perfekt in die Forschung übersetzt. Hat die Universität einen hohen Ranglistenplatz, kann sie wiederum deutlich höhere Gebühren verlangen, vor allem für Masterprogramme, die in erster Linie dazu dienen, Geschäftsbeziehungen aufzubauen.

Die Rankings selbst sind zu einem gewissen Grade self-fulfilling prophecies, da Forscher von hoch angesehenen Universitäten deutlich leichteren Zugang zur Veröffentlichung in wichtigen Magazinen haben. Außerdem zeigen Beispiele wie der britische Physik-Nobelpreisträger Peter Higgs oder der russische Mathematiker Grigori Perelman, dass große Entdeckungen außerhalb des Publikationswahns sehr gut gedeihen können. Letzterer bewies vor einigen Jahren die Poincaré-Vermutung und löste damit als erster eines der Millennium-Probleme, die im Jahr 2000 als die sieben größten ungelösten Probleme der Mathematik galten. Davor hatte er Angebote aus Princeton und Stanford abgelehnt, um ohne Publikationsdruck forschen zu können. Ferner lehnte er die Fields-Medaille und das Preisgeld für die Lösung des Millennium-Problems ab, da er den Wert seiner eigenen Arbeit für zu gering erachtete: Eine Entscheidung, die im Rahmen der Ideologie der “Performer, Styler und Egoisten” natürlich auf sehr viel Unverständnis stieß.

 

(Bildquelle: Flickr)

1 Kommentar ...
  1. Dr. Wendelin Himmelheber

    Ein klasse Artikel, sehr augenöffnend und traurig, da ja auch hierzulande die Entwicklung in die gleiche Richtung geht.