Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Despot in Not

Die Fifa ist nicht wie eine Diktatur. Die „Regierung“ der Fifa ist korrupt, ja. Die Wahlen sind nicht freier als die Wahlen in der DDR, auch wenn es diesmal fast einen Gegenkandidaten gab. Eigentlich hätte es niemanden gewundert, wenn besagter Gegenkandidat, Mohamed Bin Hammam, kurz vor der Wahl einem „Unfall“ zum Opfer gefallen wäre, aber Blatter ist doch kein Unmensch – nein, Blatter löst Probleme solcher Art eleganter: Er bezichtigt besagten Gegenkandidaten einfach der Korruption. Bin Hammam soll 25 Funktionären der Karibischen Verbände 40.000 Dollar für deren Stimmen bei der Präsidentschaftswahl geboten haben. Blatters Wahlkampf-Millionen-Geschenke an die Verbände Nord- und Mittelamerikas hingegen entsprachen vollkommen allen Regularien. Denn es muss selbstverständlich unterschieden werden zwischen uneigennützigen Geschenken seitens des Präsidenten (legal) und schmutzigen Bestechungsversuchen durch den Gegenkandidaten (illegal).

Wie dem auch sei, die Fifa ist nicht wie eine Diktatur, die Fifa ist eine Diktatur (Der Despot lässt zwar Wahlen aber keinen Gegenkandidaten zu; der ganze Verein ist von Korruption verpestet). Und wie das nun mal in Diktaturen so ist, wird das Image zunehmend schlechter – der Trend geht ja derzeit ohnehin weltweit weg von Diktaturen. Also hat sich Blatter auf die Suche nach einem ausgemachten Diktaturexperten begeben, der den Ruf der Fifa wieder aus dem Sumpf ziehen soll. Heiner Geißler hätte zwar Zeit gehabt, genügt aber mangels Diktaturerfahrung nicht den Anforderungen. Zur Debatte hätten Meister der Diktaturpraxis stehen können, Gaddafi beispielsweise. Solche werden auf dieser Welt aber nach wie vor diskriminiert, die Auswirkung eines derartigen Engagements wäre demnach wohl eher kontraproduktiv gewesen. Blatter wurde schließlich fündig, es gelang ihm, einen brillanten Theoretiker zu verpflichten, der einige Diktaturen erst möglich gemacht hat: Henry Kissinger. Er war am Putsch in Chile 1973 beteiligt, der nach Schätzungen von Amnesty International bis zu 30.000 Menschen das Leben gekostet hat, an der Invasion in Osttimor durch Indonesien 1975, die ca. 60.000 Opfer forderte, und mutmaßlich an der Operation Condor, durch die in Lateinamerika ca. 70.000 Menschen umkamen. Zu den zahlreichen Auszeichnungen, die er im Laufe seines bewegten Lebens erhalten hat, gehört unter anderem auch ein Friedensnobelpreis.

Kissinger wird Mitglied eines brandneuen Kontrollgremiums. Mit seinen 88 Jahren könnte er nochmal richtig frischen Wind in die Fifa bringen. Seine Aufgabe wird es sein, eventuelle korrupte Vorgänge im Innern der Fifa aufzuspüren und zu unterbinden. Sollte ihm das gelingen, wer weiß, vielleicht springt der nächste Friedensnobelpreis für ihn heraus. Oder er tritt galant zur Seite, um Blatter den Vortritt zu lassen, der ihn ohnehin aufgrund seines tapferen Kampfes gegen die Korruption seiner Gegenkandidaten seit Jahren verdient hätte.

[Fotoquelle: BrokenSphere, Wikimedia Commons]

7 Kommentare ...
  1. Ich würde es auch machen. Wurde aber nicht gefragt… Schöner Artikel!

  2. Fußball ohne Korruption? Das wäre ja wie Radsport ohne Doping!

  3. Kissinger wird die Korruption wie Allende behandeln.

  4. Ja genau, und dann ein paar “Strukturanpassungsreformen” durchführen, und die FIFA wird privatisiert!

  5. ernest steinberg

    bravo! schluss mit dem kuschel-journalismus der sz. so wie blatter die blattern in den fußball getragen hat, so ist die sz eigentlich ein kürzel für sbz: süddeutsche blatter-zeitung.

  6. Dass die SZ pro Blatter wäre, kann man ihr in meinen Augen eigentlich nicht vorwerfen. Dass sie die Verpflichtung des Kissinger ohne weitere Kommentare hingenommen haben, fand ich nicht in Ordnung.

  7. der wegen korruption suspendierte ex-fifafunktionär jack warner hat einen enthüllungstsunami angekündigt. da bin ich mal gespannt!