Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Das ist tabu! …Und soll es bitte auch bleiben.

Es ist schon eine Weile her, dass Charlotte Roches Debut-Roman Feuchtgebiete und Helene Hegemanns Ambitionsplattform Axolotl Roadkill als Skandale durch die Feuilletons geisterten. Beide Werke brachen mit gängigen Tabus: Ob nun Roche in derbster Sprache von den Hämorrhoiden ihrer Protagonistin erzählt, und von den diversen Gerätschaften, die sich in deren Vagina befanden, oder ob eine überdrehte und literarisch kaum begabte 17jährige Club-, Drogen- und Kotzgeschichten in Fäkalsprache abschreibt, es lässt uns inzwischen kalt. Denn was schon einmal da war, schockiert nicht mehr, ist kein Tabu mehr.

Exkremente wurden museumstauglich – das Malen mit eigenen Ausscheidungen wurde durch den Tabubruch von dem Künstlerpaar Gilbert & George zu tiefsinniger Kunst. Was ist nur los mit der allgemeinen Wahrnehmung von Kulturgütern dieser Art? Sagt denn ein Tabubruch wirklich etwas über den Wert eines Werkes aus?

In diesen drei Fällen wurde der Tabubruch zu einem Prädikat erhoben, ein Umstand, dem man auch die „Endlich sagt’s mal einer“-Aussagen zu Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab verdankt. Jede Kritik an dessen Aussagen griff, laut seinen Anhängern, die Meinungsfreiheit und die Wichtigkeit des Tabubruchs an. Jedoch muss die Unantastbarkeit der Menschenwürde über dem Tabubruch stehen. Tabubrüche dürfen kein Selbstzweck sein!

Die Angepasstesten sind es, die Tabus brechen: Eine 17jährige Berlinerin wird durch ihr Partyleben und Fäkalsprache zur Rebellin, obwohl das Berghain alles andere als ein Geheimtipp und Fäkalsprache für Jugendliche auch eher normal ist. Deswegen ist es auch kein Zufall, dass vor allem bürgerlich-konservative Politiker in dieser Zeit als Tabubrecher gelten. Neben Sarrazin war es vor allen Dingen Westerwelle, der mit seinen Tiraden gegen Arbeitslose – man erinnert sich an die „spätrömische Dekadenz“ – Tabus brach. Das Hetzen gegen Benachteiligte und Schwächere wird durch den Tabubruch zur Tugend; eine Gefahr, die die banalen privaten Tabubrüche der Jungautorinnen wenigstens nicht in sich bergen. Das Sprachgut der Rebellion wird zum Zweck der Selbstinszenierung missbraucht.

Solange ein Tabubruch keine gesellschaftliche Relevanz besitzt, ist gegen das Bestehen des Tabus nichts einzuwenden. Nicht jedes Tabu ist schlecht, nicht jedes soll gebrochen werden. Einige Tabus sind unerlässlich – und deswegen gesetzlich geboten.

Der Mehrwert der Möglichkeit, in der Öffentlichkeit über Hämorrhoiden zu sprechen, erschließt sich auf den ersten Blick nicht. Und auch auf den zweiten nicht. Ja, man kann unendlich viele Blicke darauf werfen, der Nutzen wird nicht größer als der der Anzahl des Wortes „Scheiße“ in Axolotl Roadkill. Für ein derartiges Mitteilungsbedürfnis gab es schon immer Ärzte oder Tourette-Selbsthilfegruppen.

Ein Beispiel aus dem Alltag: Wenn man das erste Mal bei den Schwiegereltern zum Essen eingeladen ist und dort bei Tisch lautstark einen fahren lässt, klatscht keiner. Niemand klopft einem auf die Schulter und sagt anerkennend: „Mensch, Sie haben wirklich Mut. Was für ein Tabubruch!“ Das ist gut so. Denn keiner kann sich wünschen, dass Furzen in geschlossenen Räumen gesellschaftliche Akzeptanz genießt.

Vor der Sex-and-the-City-Generation gehörte das Sinnieren über Geschlechtsteile anderer zu den Tabuthemen. Heute ist man in keiner Frauenrunde mehr davor sicher. Gesegnet sind Menschen mit einem limitierten Vorstellungsvermögen. Frauen sind dadurch nicht etwa freier und glücklicher; es wird nur für die Partner immer unangenehmer, die Freundinnen kennenzulernen.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich bin keine Spießerin, die auf veralteten Konventionen beharrt. Aber gerade deswegen liegt es mir am Herzen, dass Rebellion nicht zu Karneval verkommt, sondern ernst genommen werden kann. Selbstverständlich gibt es Tabus, die gebrochen werden mussten und immer noch müssen. Jede Subkultur bricht mit Tabus. Allerdings hat das meist eine übergeordnete Bedeutung für das gesellschaftliche und politische Leben. Es geht um das Anprangern von Missständen, um das Schaffen einer öffentlichen Wahrnehmung. Gesellschaftlich relevante Tabubrüche prägen die Diskurse ihrer Zeit: Pazifismus und sexuelle Revolution in den 60ern, die Rebellion gegen das Establishment und dessen rechtskonservative Politik in den 70ern, soziale Missstände in amerikanischen Ghettos in den 80ern. Eine gesunde Scham oder Klogänge, die nicht in der Öffentlichkeit stattfinden sind jedoch keine Missstände. Die Emanzipation der Frau bedarf keines Spottens über Genitalien und Kunst darf auch ruhig schön sein.

Nicht einmal der motivierteste Foucaultianer wird die Diskurse von Roche, Hegemann und Gilbert & George analysieren. Es muss dringend unterschieden werden zwischen post-pubertärer Pseudo-Rebellion und tatsächlich relevanten Tabubrüchen, die die Normen unserer Gesellschaft positiv verändern können.

 

[Bildquelle: Flickr, kami68k]

4 Kommentare ...
  1. Triffts mal wieder genau auf den Punkt, gut dass die Sommerpause vorbei ist!

  2. Der einzig echte Tabubruch der letzte Jahre, der auch sofort und unbarmherzig sanktioniert wurde:

    “Meine Einschätzung ist aber, … dass im Zweifel, im Notfall, auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege.” – Horst Köhler, damals noch Bundespräsident.

  3. Daumen hoch!

  4. ernest steinberg

    sehr guter argumentativer artikel, auch inhaltlich stimme ich “vollumfänglich” zu!