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Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Copacabana católica – Kritische Überlegungen zu einer religiösen Massenveranstaltung

Dem kritischen Beobachter stellte sich die Frage, warum ein friedliches Zusammenkommen von jugendlichen Pilgern solcher staatlicher Waffengewalt bedurfte. Die Zweifel an dieser Verschränkung nahmen gar zu, wenn die Teilnehmer dieser Massenveranstaltungen ihren Blick vom überfüllten Sandstrand hoch zu den offenen Armen der Jesusstatue schweifen ließen – dem Symbol dieses Weltjugendtages schlechthin  und Hauptfigur des offiziellen Bildes eines betont gastfreundlichen Brasiliens. Offensichtlich muss man die Ereignisse rund um das Pilgertreffen in den Kontext der kommenden sportlichen Megaevents setzen. Denn die  Mehrheit der Beteiligten in Rio de Janeiro schien den Weltjugendtag als eine organisatorische Generalprobe für die FIFA Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spielen 2016 zu betrachten. In diesem Zusammenhang drängt sich eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema der öffentlichen Sicherheit in Brasilien und dem Verhältnis zwischen Staat, katholischer Kirche und wirtschaftlichen Interessen auf. Denn der zentrale Zweck dieser religiösen Großveranstaltung lag offenbar in der gegenseitigen Legitimation von staatlichem und kirchlichem Handeln vor dem Hintergrund einer enormen Kommerzialisierung.

Es lohnt sich nun, genauer auf die Orte, Akteure und Programmpunkte zu schauen, die einen wichtigen Platz in der Agenda des Weltjugendtages und des Papstbesuches eingenommen haben:

Denn was kann es bedeuten, wenn eine ausgelagerte Eventmanaging-Firma die Vorbereitungen des Weltjugendtages koordiniert und unter anderem wirtschaftliche Riesen wie Nestlé und die Bank Itaú als Sponsoren des Ereignisses auftreten? Die naheliegendste Erklärung ist wohl, dass diese Akteure die weltweite Öffentlichkeit während des Ereignisses für eigene Zwecke gebrauchen wollten. Tatsächlich war die Kommerzialisierung der Veranstaltung und der Einsatz von Marketingstrategien omnipräsent: Die vielen Pilger-kits, die etlichen professionellen Videoclips im Netz, die aufwändige Inszenierung des Programms an der Copacabana, die Veranstaltung von Messen für religiöse Dienstleistungen und Utensilien und Live-Übertragungen ins Ausland zeugen davon, dass es hierbei um die Gewinnung der Jugend durch “zeitgemäße”, marktwirtschaftliche Strategien gehen könnte. Offenbar sollte das Klischee einer religiös enthusiastischen lateinamerikanischen Jugend die Außenwirkung der katholischen Kirche stärken. Der Vatikan konnte in diesem Szenario die Figur des neuen Papstes erfolgreich einbringen, dessen betont bescheidenes und unkonventionelles Auftreten (“Brechen der Protokolle“) mit dem Ambiente einer “jugendlichen und engagierten” Kirche Lateinamerikas harmonierte. Schließlich trägt zu diesem Aspekt die eigene Agenda des Papstbesuches bei: Franziskus besuchte nicht nur eine Therapiestation für Drogenabhängige und traf straffällige Jugendliche, sondern betrat ebenso die armen Stadtteile Rios. In dem Favela-Komplex Manguinhos/Varginhas besuchte er neben der dortigen katholischen Gemeinde auch die sogenannten UPP (Unidade de Polícia Pacificadora), eine Einheit der Polizei, die die Sicherheit der Favelas garantieren soll. Damit bekräftigte der Papst die politisch-soziale Rolle der Kirche, die im Diskurs der Befreiungstheologie immer schon eng mit Lateinamerika assoziiert wurde und immer noch wird.

Ein folgenschwerer Einwand ist nun angebracht: Die Lesart des Papstbesuches in Varginhas kam einer Anerkennung der Stadtpolitik Rios  gleich, das seit einigen Jahren die Gebiete der Favelas unter dem Anlass der “Befriedung” und des Kampfes gegen Drogenbosse und kriminelle Banden besetzt. Der Besuch von Franziskus räumte nun alle Bedenken gegen diese Sicherheitspolitik für den Augenblick seines Aufenthalts aus. Zudem verschwieg man gekonnt das Problem der Gentrifizierung und des “Safari”-Tourismus in solchen Armenvierteln. Die Favela als exotische Herausforderung an christliche Nächstenliebe und Reflexion über Ungleichheiten auf der Welt konnte mithin ihren peripheren Status in der Gesellschaft beibehalten. Der Ausnahmezustand ging an der Alltäglichkeit der schwierigen Lebensverhältnisse in Rios Armenvierteln vorbei. Obwohl ein Großteil der Weltjugendtags-Pilger in großen nicht-befriedeten Favelas untergebracht und dabei von einem großen Polizeiaufgebot geschützt wurde, kam es im Vorfeld des Ereignisses zu keiner Sensibilisierung hinsichtlich des Problemfelds “Favela und Sicherheit” – auch trotz der politisierten Massenproteste im Juni.

Indes lieferte die Organisation und Durchführung des Weltjugendtags und des Papstbesuchs den staatlichen Akteuren in Rio die Möglichkeit der Umsetzung ihres allgemeinen Sicherheitsplans. Innerhalb dieses Szenarios konnte man verschiedene Maßnahmen testen, wie etwa die Kollaboration und Abstimmung zwischen verschiedenen Akteuren und Sicherheitsstufen. Die Bewohner der Stadt erhielten beispielsweise vier zusätzliche Feiertage, die zur Entlastung des allgemeinen Verkehrsaufkommens und der Würdigung der katholischen Veranstaltungen dienen sollten. Sogenannte “Versorgungsinseln” für Pilger wurden eingerichtet, während der obere Klerus umsonst in Hotels nächtigen durfte. Das Hotelpersonal wurde vorsorglich gegen fremde Erreger geimpft. Busse wurden von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt. Wie viel die öffentlichen Kassen letztlich beigesteuert haben, ist bis zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Allerdings muss man davon ausgehen, dass zumindest ein relativ großer Teil der Transport-, Sicherheits- und Infrastrukturkosten (z.B. kostenlose Visa, Wasser, Strom, Sperrung von Straßen, unentgeltliche Nutzung von Räumen und Einrichtungen) auf die Schultern der brasilianischen Steuerzahler verteilt wurde.

Parallel dazu versuchten Politik und Stadtverwaltung, die Bevölkerung Rios als starke Gemeinschaft zu präsentieren und ein möglichst eindrucksvolles, positives Bild der Stadt des Corcovado und des Samba in die Welt hinaus zu senden. Nicht zuletzt passt diese Strategie in die Logik der Image-Vorbereitung für die kommenden Megaevents. Damit verbunden ist die Ankündigung eines Zuwachses an ökonomischer und sozialer Tätigkeit im Stadtgebiet. Schon freuen konnten sich einige Bewohner der Favela Varginha, als ihr Stadtviertel vor dem Papstbesuch einige schnell ausgeführte Renovierungsarbeiten erfuhr. Allerdings darf man bezweifeln, dass hinter solchen ad-hoc-Maßnahmen ein nachhaltiges Konzept steckt. Offenbar besteht die Motivation in der Vermarktung der Stadt und der Legitimation von Maßnahmen.

Es handelte sich beim Weltjugendtag und Papstbesuch trotz aller Betonung ihrer Einmaligkeit um höchst standardisierte Ereignisse, die in eine Reihe anderer Megaevents eingebettet werden müssen. Auf diese Weise führte der Weltjugendtag nicht dazu, dass die Pilger Brasilien und Rio ernsthaft kennenlernen konnten, sondern vielmehr Zeugen einer austauschbaren Großveranstaltung wurden. Dass sich die Teilnehmer des Glaubenstreffens und ihre Umgebung fremd blieben, konnte man insbesondere am mit Müllbergen geschmückten campus fideii an der Copacabana beobachten. So muteten schon die Bilder fröhlicher Nonnen, die durch die ansonsten so sehr freizügigen Gewässer von Rio wateten, verstörend an. Vollends fragt man sich, ob diese Veranstaltung nicht doch irgendwie fehl am Platz war, wenn man sich die Inszenierung der ersten Messe auf brasilianischem Boden in Erinnerung ruft – índios suchte man dabei auf der riesigen Kirchenbühne vergebens.

Weiterführende links:

Über den wachsenden Tourismus in Favelas im Hinterland Magazin: http://www.hinterland-magazin.de/pdf/23-13.pdf

Zu dem politischen Einfluss der Religion in Brasilien: http://br.boell.org/web/136-1519.html

Stefanie Baasch: Herstellung von Sicherheit und Produktion von Kontrollräumen im Kontext von Großevents. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Hamburg. [Diss.] Hamburg. 2009, auf: http://ediss.sub.uni-hamburg.de/volltexte/2009/4023/ (16/09/13).

[Bildquelle: Nyakanyaka, wikicommons]

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