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Wolfgang Schäuble

Wie im Drogenrausch: Donna Tartts neuer Roman „Der Distelfink“

Wer wirklich gute Literatur lesen will, wer einen spannenden Plot, echte Tragik und interessante Figuren erleben möchte, liegt mit Donna Tartt niemals falsch, wie schon The Secret History (Die geheime Geschichte, 1993) und The Little Friend (Der kleine Freund, 2003) eindrucksvoll bewiesen haben. Auch mit ihrem dritten Roman zeigt uns Donna Tartt, dass sie Anspruch und Unterhaltung in ihrer Literatur zu verbinden weiß.

Der 13-jährige Theo Decker lebt in New York und verliert zu Beginn des Romans seine Mutter bei einem Bombenanschlag auf das Metropolitan Museum of Art. Sie besuchen gemeinsam das Museum, als die Katastrophe passiert. Mit dem Tod seiner Mutter ist Theo praktisch Vollwaise, denn sein Vater hat die Familie verlassen und bleibt zunächst verschollen. Es beginnt damit die Entwicklungsgeschichte eines traumatisierten Jungen, die zeitweilig zum Kriminalroman avanciert. Denn Theo wird die ganze Zeit von einem Geheimnis begleitet: Im Chaos des Bombenanschlags und noch unter Schock stehend, entwendete er das kleine, aber weltberühmte Gemälde „Der Distelfink“ (ein angeketteter Vogel vor neutralem Hintergrund) des holländischen Meisters Carel Fabritius aus dem Museum. Seitdem hütet er es wie einen Schatz, da es ihn an seine Mutter erinnert.

Die tragischen Motive des Romananfangs bleiben auch in der weiteren Handlung bedeutend. Theos Schuldgefühle, seine Trauer und seine Einsamkeit werden mit großartiger Düsternis erzählt. Schicksalhafte Verkettungen von Ereignissen spielen immer wieder eine Rolle in Theos Leben und geben seiner Odyssee eine neue Richtung vor. So verschlägt es ihn von New York nach Las Vegas und Amsterdam. Der erwachsene Theo erzählt die Ereignisse rückblickend – es sind inzwischen ca. fünfzehn Jahre vergangen – und behält dabei einen erstaunlich sachlichen Blick auf das Geschehene. Trotz der tragischen Handlung wird der Ton niemals sentimental. Auch deswegen wirkt der Roman erwachsener als Tartts gefeierter Debütroman Die geheime Geschichte.

goldfinch kleiner gerard

Tartt pflegt einen extrem dichten Erzählstil; man merkt ihm an, wie viel Sorgfalt und Konzentration er seiner Autorin abverlangt. Die Genauigkeit ihrer Beobachtungen resultiert in einer bis ins Kleinste durchdachten und in vielen Facetten schillernden Erzählwelt. Die Figuren und ihr narrativer Kosmos werden plastisch. Jede Alltäglichkeit, jede Seelenregung des Protagonisten wird fühlbar, und das nicht einmal nur durch eine exzessive, sondern auch durch die unkonventionelle Art der Beschreibung. Morphiumhaltige Lutschbonbons am Stiel sind keine Erfindung Donna Tartts, aber allein die Tatsache, dass das schwer verletzte Mädchen Pippa, dem Theo einen Krankenbesuch macht, im Roman einen solchen „morphine lollipop“ besitzt, vermittelt ohne großen Aufwand eine herzzerreißend traurige Stimmung. Tod und Kindheit verbinden sich in diesem Oxymoron auf unvergessliche Weise.

Doch es gibt auch einen hellen, humorvollen Gegenpol zur melancholischen Grundstimmung im Distelfink: die originellen und manchmal herrlich skurrilen Figuren, die den Roman bevölkern. Hobie, ein Restaurator, der zu Theos Mentor wird, Theos Vater, ein Berufsspieler, und die elfenhafte Pippa sind Beispiele dafür, wie meisterhaft Tartt Charaktere zeichnen kann. Besonders der ukrainische Junge Boris, mit dem Theo sich in Las Vegas anfreundet, bleibt im Gedächtnis. Er wird zu Theos „Sidekick“, führt ihn in die Welt der Drogen ein und versteht es, die Dinge mit seinen humorvoll-trockenen Weisheiten wieder ins Lot zu rücken. Die beiden von ihren Eltern vernachlässigten Teenager verbringen einige Monate gemeinsam in einem abgeschlossenen, autonomen Kosmos wie die „Verlorenen Jungen“ aus Peter Pan. Der Verlust ihrer kindlichen Unschuld spiegelt sich im Schauplatz ihrer Exzesse: ein zum großen Teil verlassener Vorort von Las Vegas, in dem die Bauruinen versanden.

Donna Tartts größte Stärke bleibt es, in ihren Texten eine Sogwirkung zu entwickeln, die den Leser wie im Rausch zurück lässt. Noch während des Lesens wünscht man sich, der Roman möge niemals enden.

 

Bild: flickr, Roman Kruglov

2 Kommentare ...
  1. Ich hab den 800 S.-Roman zwischen den Jahren fast eingeatmet! Eigentlich seltsam, weil, hätte jemand mir vorher den Plot beschrieben, ich vermutlich erst mal abgeneigt gewesen wäre. Ich habe es auch so erlebt, wie du beschreibst: Der Erzählstil prägt die Welt und auch wenn ich wirklich nicht Teil des Kosmos, den Donna Tartt da baut, werden wollte, konnte ich nicht genug davon bekommen!
    Fandest du das Buch eigentlich auch so filmisch erzählt? Ich habe Figuren und Orte so plastisch vor mir gesehen, dass es mich wundern würde, gäbs da keinen Filmdeal. Wurde The Secret History verfilmt?

  2. Ja, das mit der filmischen Erzählweise ist mir auch immer aufgefallen, schon bei Secret History! Man sieht die Szenen förmlich vor sich. Also als Secret History so ein Bestseller wurde, wollte man unbedingt einen Film daraus machen, aber Tartt hat sich geweigert, die Filmrechte zu verkaufen (bzw. ich hab mal gelesen, sie hätte sie nach kurzer Zeit wieder zurück gekauft). Und es gibt auch Interviews, in denen sie sagt, dass sie gegen Verfilmungen ihrer Werke ist. Über den Goldfinch habe ich jetzt nichts weiter wegen eines Filmdeals gehört. Selbst wenn, würde ich mir den Film nicht anschauen. Meine eigenen Bilder, die ich mir gemacht habe, sind mir zu kostbar!