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Spurensuche auf verbrannter Erde

Denis Villeneuve, Regisseur des Familiendramas, musste letztendlich ohne die prestigeträchtige Statuette nach Hause gehen. Trotzdem wird er seitdem in seiner Heimat als einer der Hoffnungsträger des frankokanadischen Kinos gefeiert. Québec, eine Provinz gut vier Mal größer als die Bundesrepublik Deutschland, zeichnet sich trotz seiner kleinen Einwohnerzahl von nur rund sieben Millionen durch eine sehr rege Kulturszene aus. Eine Tatsache, die außer in Frankreich für den Rest der Welt eher unbemerkt bleibt. Schon allein deshalb wäre ein Sieg bei den Academy Awards nicht nur ein Triumph für den Regisseur Villeneuve, sondern auch eine Anerkennung für die Schaffenskraft einer ganzen Provinz gewesen.

Man kann allerdings schon allein aus der Nominierung einen Nutzen ziehen – zumindest für das deutsche Publikum. Denn am 23. Juni kommt Incendies unter dem Titel Die Frau, die singt auch hier in die Kinos. Der Film, der vom Magazin Der Spiegel nicht zu Unrecht als „überlebensgroße Tragödie“ bezeichnet worden ist, erzählt von Glaube, Liebe und Verrat. Basierend auf dem gefeierten Theaterstück Verbrennungen des libanesischen Autors Wajdi Mouawad, zeichnet Die Frau, die singt die Geschichte einer Familie nach, die von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

Nach dem Tod ihrer Mutter Nawal (Lubna Azabal) erfahren die Zwillinge Simon (Maxim Gaudette) und Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) nicht nur, dass ihr Vater noch am Leben ist, sondern auch, dass sie einen weiteren Bruder haben. Die beiden brechen nun zu einer Spurensuche in das namenlose Heimatland der Mutter im Nahen Osten auf. In dem von Glaubenskriegen zerrütteten Land stoßen Simon und Jeanne auf immer mehr Versatzstücke aus dem Leben Nawals, einer Frau, die sie anscheinend kaum kannten. Und auch die Menschen, die vor Ort von ihr erzählen, vermögen kein kohärentes Bild zu vermitteln: für die einen ist sie eine Verräterin, eine Mörderin gar, für andere wiederum eine Heldin. Für wieder andere ist sie jene unglückliche Frau, die in ihrer schäbigen Gefängniszelle Lieder sang, um die Gewalt und Demütigungen zu ertragen, die ihr angetan wurden. Je mehr Licht ins Dunkel der Vergangenheit Nawals gebracht wird, desto unerträglicher wird das Erlebte und Gezeigte. Und doch kann man nicht umhin, dieser schmerzhaften Odyssee bis zur letzten Minute wie gebannt zuzusehen.

Denis Villeneuve erzählt diese Reise in ruhigen, aber fesselnden Bildern. Nicht umsonst bleibt das Land im Nahen Osten ohne Namen: Denn die Motive der religiösen Gewalt sind universell und lassen sich nur schwer an einem Ort festmachen. Simon und Jeanne müssen feststellen, dass die Gräben, die durch das Land verlaufen, auch vor ihrer eigenen Familie nicht halt gemacht haben – und auch die drängende Frage nach Schuld und Sühne werden sie am Ende nicht wirklich zufriedenstellend beantworten können.

Die Frau, die singt ist eine schmerzhafte Fahrt in die Abgründe der menschlichen Existenz. Die Figuren sind tragisch, unglücklich, das Ende nicht unbedingt erleichternd. Denis Villeneuve bedient große Bilder, schafft es aber gleichzeitig, seine Geschichte ohne unnötigen Pathos oder gar Kitsch zu erzählen. So vermeidet er angenehmerweise das, was vielen amerikanischen Produktionen leider zu oft passiert: im falschen Moment dick aufzutragen; und das, was im europäischen Kino leider oftmals fehlt: es im richtigen Moment zu tun.

[Bildquelle: MICRO_SCOPE]

4 Kommentare ...
  1. Das hört sich tatsächlich an, als sollte man schleunigst kanadische Filme sehen. Kannst du noch anderes empfehlen? Vielleicht auch von Villeneuve?

  2. der film ist wahnsinnig gut, aber ein kleiner hinweis: echt harter tobak. ich war geschockt.

  3. ernest steinberg

    sehr lesenswerte kritik. aber es heißt: das pathos.

  4. Heute kommt noch ein frankokanadischer Film ins Kino, den ich selbst noch nicht gesehen habe, der aber sehr gut sein soll: “Les amours imaginaires” (fürchterlicher Titel des deutschen Verleihs: “Herzensbrecher”). Der Regisseur ist gerade mal 22, hat aber mit 19 in Cannes schon Preise abgeräumt 8″J’ai tué ma mère”). Ich denke, das lohnt sich.