Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Schule essen Seele auf

Reformwut und Tatenangst

Vier Jahre Grundschule? Oder doch fünf? Schokoriegel in der Schulmensa? Oder doch Äpfel? Mit solchen und ähnlichen Fragestellungen beschäftigt sich die Schulpolitik. Das ist ein klarer Fall des sprichwörtlichen Waldes, den man vor lauter Bäumen nicht sieht. Denn die Probleme sind wesentlich grundlegender. Unsere Schulsysteme wurden vor langer Zeit entworfen. Ihre Pfeiler sind Uniformität, Disziplin und Fleiß. Allein mit Auswendiglernen kann man heute – und dank Multiple Choice und Konsorten wohl in Zukunft noch stärker – ein gutes Abitur erreichen.

An einer gewissen Anpassungsfähigkeit und guter Arbeitshaltung ist auch nichts auszusetzen. Allerdings unterscheidet sich unsere Welt der Computer, der Netzwerke und Globalisierung zu stark vom Zeitalter der Industrialisierung, in dem unsere Schulsysteme entworfen wurden. Zwar hat sich besonders seit der 68er-Generation das Verhältnis von Lehrern zu Schülern verändert, aber Lehr- und Stundenpläne sind in ihren Grundzügen unverändert geblieben. Deshalb fehlen ihnen wesentliche Schwerpunkte, die heute mehr denn je für die allermeisten von uns Voraussetzung für den beruflichen Erfolg sein werden: Teamwork, Flexibilität, Kreativität und der Mut, noch nicht ausgetretene Pfade auszuprobieren.

Gerade diesen möchte man unseren Politikern wünschen. Denn Voraussetzung aller Reformen ist fast immer das jeweils vorherrschende Modell und damit viele der veralteten Annahmen und Ansätze, die diesem System zu Grunde liegen. Doch leider ist gerade der politische Sektor ein traditioneller, der nur sehr langsam die Entwicklungen unserer modernen Welt mitmacht – und auch keiner, der für seinen Mut, große Schritte zu machen, bekannt ist. Deshalb hinkt er hinterher und mit ihm die Bildung.

Zeig mir, was du (nicht) kannst!

Standardisierte Tests sind heute so beliebt wie noch nie. Alles und jeder wird evaluiert. Die Vorteile sind klar: Diese Tests sind transparent, nachprüfbar und relativ einfach in großen Mengen durchführbar. Dabei wird nie hinterfragt, was genau ein solcher Test misst. Generell lässt sich sagen: Standardisierte Tests zeigen nur, wer am besten auf den vorliegenden (und nur diesen) Test vorbereitet ist. Unbeantwortet bleibt oft, welche Schüler an dem Test teilgenommen haben – und welche nicht. Niemals jedoch geben sie Aufschluss darüber, welche Fähigkeiten, welche Intelligenz und welches Potenzial ein Kind hat.

Schließlich versagen standardisierte Tests bisher, wenn es darum geht, individuelle Qualitäten wie Kreativität, Teamfähigkeit und soziale Intelligenz zu messen; sie scheinen auch gar nicht in der Lage, derart vielschichtige Charakteristika überhaupt zu entschlüsseln. Standardisierte Tests sind eben nicht das Maß aller Dinge und dürfen es auch nicht sein. Leider sind sie dennoch häufig das einzige Parameter, an dem der Erfolg einer Reform gemessen wird.

Bildung ist nicht günstig

Bildung ist nicht billig zu haben. Dafür muss man Geld in die Hand nehmen und investieren. Das mag ein Allgemeinplatz sein, jedoch einer, den die Politik anscheinend aus den Augen verloren hat. Das ist erstaunlich, hat doch gerade das komplexe Thema „Bildung“ hier einige simple Lösungen zu bieten, nämlich gut aus- und ständig weitergebildete Lehrer, kleine Klassen, aktuelle und motivierende Lehrmittel.

Statt für sinnvolle Investitionen wird aber jede Reform für erneute Einsparungen genutzt. Diese werden zu Lasten der nächsten Generation(en) gehen – gerade in Deutschland, dem “Land der Dichter und Denker”, das doch so gut wie keine Ressourcen außer der Bildung hat.

Aus Kind wird Mensch

Der größte Irrtum aber ist die Grundannahme, Bildung funktioniere wie eine mathematische Gleichung: „Kind + Wissen = gebildeter Mensch“. Es scheint, als sei es Zweck der Bildung, Kinder vollzupumpen mit all dem Wissen, das sie im Beruf einmal brauchen werden. Das ist schlichtweg unmöglich. Dafür gibt es zu viele Berufe und zu viel Wissen. Aber es ist auch nicht nötig: Hat man erst einmal seine Passion gefunden, fällt es später leicht, sich in das Gebiet einzuarbeiten und sich das nötige Wissen anzueignen.

Dazu muss man aber seine Passion kennen. Hier ist die Schule gefordert. Bildung wäre dann der Versuch, alles bereitzustellen, was ein Kind reifen lässt – d.h. ein von der Schule „gebildeter“ Mensch, hat alles bekommen, um die Welt und sich selbst bestmöglich erfahren und verstehen zu können. Dazu braucht ein Schüler Hilfestellungen, Steilvorlagen, aber auch Herausforderungen und Hürden. In der Folge wird er idealerweise ein zufriedeneres und erfolgreicheres Mitglied unserer Gesellschaft.

Neigungen zu entdecken, nicht Abneigungen zu wecken – das ist die Hauptaufgabe guter Bildung. Dazu benötigt man ein breites Fächerangebot ohne das voreingenommene Bestimmen von vermeintlichen Kern- und Nebenfächern. Sinnvoll wäre es auch, sich von starren Jahrgangsstufeneinteilungen zu lösen und entwicklungsbiologische Differenzen zu berücksichtigen. Um Schüler individuell fördern zu können, müssen Lehrer geschult werden, verschiedene Lernertypen zu  erkennen und dementsprechende Lernhilfen anzubieten. Benotung muss nicht abgeschafft, aber sinnvoller eingesetzt werden, um Engagement und Fortschritt einzelner Schüler besser anzuerkennen. Außerdem braucht es genügend Freiräume, um zu vertiefen – und Anerkennung von Leistungen, die als Früchte der persönlichen Neigungen entstanden. Des Weiteren würde die Schule auf verschiedenste Weise profitieren, fände man einen Weg, sich gegenüber der Gesellschaft und Wirtschaft zu öffnen und sie in Bildungsaufgaben einzubinden. Letztlich muss aber das Bewusstsein im Zentrum stehen, dass Intelligenz mannigfaltig und Talente verschieden verteilt, aber überall vorhanden sind.

Das alles umzusetzen erfordert frisches Denken und das Erarbeiten von Grund auf neuer Bildungssysteme. Der Lohn wird jedoch eine Schule sein, die fordert und fördert, ermutigt und Leidenschaften weckt. Denn noch hat der renommierte Wissenschaftler und Autor des Buches The Element. How Finding Your Passion Changes Everything Sir Ken Robinson leider zu oft recht mit seiner These: „Schools kill creativity“.

[Fotoquelle: Wikimedia Commons, Klasse9a-projekt]

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