Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Protest wider den Nacktprotest

Mag öffentliches Entkleiden in den 60ern noch revolutionär gewesen sein, so ist es das spätenstens seit Anfang des neuen Jahrtausends im Westen nicht mehr. Der Nacktprotest ist gewissermaßen das “It-Girl” der hießigen Protestbewegung. Man hält schön die Brüste junger Mädchen in die Kamera in der Hoffnung, entdeckt zu werden. Nur leider gilt hier wie da die Aufmerksamkeit eben nur jenen hoffentlich knackigen Brüsten und weit weniger den verschiedenen Botschaften, die sie eigentlich transportieren sollen.

Die Gedankenlosigkeit der Nackprotestler ist dabei geradezu frappierend. PETA hatte seinerzeit wenigstens ein klares Konzept und benutzte einfältige Prominente so skrupellos wie effektiv, um seinen “Brand” fest im allgemeinen Unterbewusstsein zu verankern. Die ukrainischen FEMEN sind “durch ihre Oben-ohne-Proteste weltweit bekannt geworden”, schreibt die FTD. Wofür oder wegegen sie stehen ist inzwischen nicht mehr so ganz klar, die Bandbreite der Themen ist groß aber eigentlich unwichtig. Und was die Initiatoren der “Slutwalks” auf die Idee gebracht haben mag, in krassen sexy Outfits gerade gegen sexuelle Gewalt zu demonstrieren, erschließt sich nur noch ihnen selbst.  Solche Dummheiten passieren, wenn man die Mittel der PR einsetzt, ohne auch nur die geringste Ahnung vom größeren Zusammenspiel der Medien zu haben. Die meisten Online-Medien berichteten dann auch lieber in Form einer Bildergalerie über das Geschehen.

Während sich die Veranstalter bzw. Veranstalterinnen womöglich vorstellen, durch ihre Aktion doch mal einen Bild-Leser zum Nachdenken anzuregen, freuen sich in der Realität Fotografen und Redakteure über die praktisch geschenkte Auflage. Weil die massenhafte Verbreitung der sexy Fotos genau jene Medien finanziert, die selbst für das auf Sex reduzierte Frauenbild verantwortlich sind, kehrt sich der “Erfolg” der Slutwalks ins genaue Gegenteil. Den VeranstalterInnen in ihrem starren Blick auf Medienwirksamkeit bleibt dieser Zusammenhang leider verborgen. Genau wie dem It-Girl, das von der Filmkarriere träumt, während die Fotografen dann doch immer nur Nacktaufnahmen wollen.

Die Nebenwirkungen sind allerdings verheerend. Inzwischen wird wirklich jede Form von Protest bevorzugt nackt veranstaltet, um im Wettrüsten gegen andere Protestbewegungen nicht zu verlieren. Die ganze Situation ist so perfide, dass man sich wirklich fragen muss, ob nicht ein Markting-Genie wie ehemals Edward Bernays (der das Rauchen für Frauen salonfähig machte) dahinter steckt. Aber wer sollte das sein? Larry Flint? Hugh Heffner?

Die traurige Wahrheit ist wahrscheinlich, dass einige wenige naive Menschen etwas in Gang gesetzt haben, das auch seriösere Zeitungen noch für Jahre mit kostenlosen Nackfotos versorgen wird. Und so manche junge Frau wird noch ein böses Erwachen erleben, wenn sie feststellt, dass Bilder im Internet nie wieder gelöscht, aber dafür dank Gesichtserkennung schnell mit einem Namen versehen werden können.

 

[Foto: Wikimedia Commons, FEMEN Women’s Movement]

 

[In der ersten Version dieses Artikel hieß es “die ungarischen FEMEN”. Tatsächlich stammt diese Gruppierung allerdings aus der Ukraine.]

2 Kommentare ...
  1. kann man jetzt dem bild, dem teaser und dem artikel ein +1 geben, oder was?

  2. 1. FEMEN stammt aus der Ukraine.
    2. Ob nun westliche Medien das Ganze nur als Hingucker und Quoten- bzw. Auflagenbringer sehen, ist nebensächlich, wichtig wäre, wie es in den jeweiligen Lädern gesehen wird. Da kann es dann durchaus sein, daß etwas, das im Westen nur “in den 60ern noch revolutionär gewesen sein [mag]”, auch heute noch revolutionär ist. Wäre zumindest mal zu diskutieren – der Westen ist eben nicht der Nabel der Welt; und FEMEN wird es egal sein, wie die BILD berichtet, wichtiger wird ihnen die Wirkung im eigenen Land sein.