Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Nero – ein missverstandenes Leben

Kaum ein römischer Herrscher kommt in der antiken Überlieferung und der heutigen Wahrnehmung so schlecht weg wie Nero. In dem Film Quo Vadis, in dem er durch Peter Ustinov verkörpert wird, ist er der selbe verrückte, grausame Tyrann wie bei Tacitus. Eben jener Tacitus gilt als der wichtigste Geschichtsschreiber über diese Epoche. Doch es ist fraglich, ob er seinen eigenen Grundsatz, Geschichte ohne Zorn und Übereifer niederzuschreiben, stets beachtet hat. Tacitus war Anhänger der römschen Republik und somit scharfer Kritiker des Kaisertums. Auch über Kaiser, die heute positiv konnotiert sind – beisbielsweise Augustus –, steht bei ihm hauptsächlich Schlechtes. So ist also auf eine der wichtigsten Quellen über Nero nur bedingt Verlass.

Nero wird vorgeworfen, seine Mutter umgebracht zu haben. Dies kann man kaum bestreiten. Wenn man sich allerdings mit seiner Mutter näher auseinander setzt, merkt man, dass es sich um eine machtgierige Person gehandelt hat. Ihr wird immerhin nachgesagt, sie habe ihren Ehemann und Neros Vorgänger Claudius vergiftet, um ihren Sohn auf den Thron zu bringen. Als ihr Einfluss auf Nero zu schwinden begann, drohte sie ihm, in Zukunft Britannicus zu unterstützen, den leiblichen Sohn des Claudius, und Nero so zu entmachten.  Also griff er zu bewährten Methoden, um seinen Thron zu verteidigen. Das soll den Muttermord nicht beschönigen, sondern lediglich zeigen, dass Neros Mutter zur politischen Feindin wurde. Und da fast jeder römische Kaiser seine politischen Feinde aus dem Weg zu räumen wusste, ist dies kein Grund, Nero negativer als irgend einen anderen zu beurteilen. Auch die Ermordung des Britannicus wurde Nero angelastet. Britannicus litt allerdings bereits seit frühester Kindheit an Epilepsie. Es ist also deutlich wahrscheinlicher, dass er bei einem Anfall starb.

Als im Jahr 64 n. Chr. ein Brand weite Teile Roms zerstörte, kamen sofort Gerüchte auf, Nero habe die Stadt anzünden lassen. Tacitus greift dieses Gerücht natürlich gerne auf, er beschreibt sogar, Nero habe während des Brandes auf seinem Balkon gestanden und den Brand Trojas besungen. Letzteres kann ausgeschlossen werden, da Nero sich laut einigen anderen Quellen gar nicht in Rom befand, als das Feuer ausbrach. Jedoch reiste er sofort nach Rom zurück und nahm in seinen Gebäuden Menschen auf, die ihre Häuser durch das Feuer verloren hatten. Auch der Rest des Gerüchts ist nicht wahrscheinlich. In den Armenvierteln Roms wurde damals mit offenem Feuer gekocht, der Ausbruch eines Brandes in einem Haushalt ist also weitaus logischer. Ferner bestanden die Mietshäuser zu weiten Teilen aus Holz und waren sehr eng aneinander gebaut, was auch die rasche Verbreitung des Feuers erklärt. Bei häufig wechselndem Wind konnten es auch eine große Zahl an Feuerwehrleuten kaum in den Griff bekommen. Neros Motive sollen dem Gerücht nach ästhetischer Natur gewesen sein. Er habe die Stadt schöner und prächtiger wieder aufbauen wollen. Genährt wird dies dadurch, dass Nero die Stadt schöner und prächtiger wiederaufgebaut hat. Er ließ die Straßen verbreitern und die Häuser auf Staatskosten mit höherem Steinanteil bauen. Dies diente allerdings lediglich dem Zweck, den erneuten Ausbruch eines Feuers diesen Ausmaßes zu verhindern. Auch in der Frage der Schuttbeseitigung reagierte Nero intelligent: Er verpflichtete ein jedes Handelsschiff, das nach Rom hineinwollte, Schutt aus der Stadt mitzunehmen und in die Moore bei Ostia zu kippen. Er verhielt sich in dieser Episode sowohl charakterlich als auch politisch einwandfrei. Dennoch hängt ihm die angebliche Brandstiftung bis heute derart nach, dass sogar Programme zum Brennen von CDs danach benannt werden (Nero Burning ROM).

Die Gerüchte rissen nicht ab und wurden zunehmend zur Belastung für seine politische Handlungsfähigkeit. Also streute er seinerseits Gerüchte über die Entstehung des Feuers. Er suchte sich eine Bevölkerungsgruppe, die bei den restlichen Einwohnern Roms nicht beliebt war. Dabei stieß er auf eine merkwürdige monotheistische Sekte, die sich als Christen bezeichnete. Sie beschuldigte er der Brandstiftung. Das mag unrühmlich und grausam sein, ein wenig nachvollziehbar ist es in Neros Situation dennoch. Nun werden ihm noch die grausamen Hinrichtungsmethoden im Zuge der Brandstiftungsprozesse gegen die Christen zur Last gelegt. Die meisten wurden an Pfeiler gefesselt, die dann angezündet wurden. Damals war das schlicht die gängige Hinrichtungsmethode für Brandstifter. Wenn die Christen also der Brandstiftung für schuldig befunden wurden, war das die logische Konsequenz. Andere sollen in Tierfelle eingenäht worden sein, um dann in der Arena von Raubtieren zerfleischt zu werden. Diese Methode ist ein Klischee, das in antiken Quellen jedem Herrscher angedichtet wurde, der als Tyrann galt. Dies kann also getrost als Folklore betrachtet werden.

Es gibt weitere Vorwürfe, die ob ihrer Absurdität allein lächerlich wirken. Zwei seien hier aufgeführt: Er soll Männer in Tierhäute eingenäht, sie anschließend an Pfähle gefesselt haben und dann – selbst als Raubtier verkleidet – über ihre Geschlechtsteile hergefallen sein. Und er soll ein sexuelles Verhältnis mit seiner Mutter gehabt haben, was man – laut Quelle – an den Inzestflecken auf seiner Kleidung bemerkte.

Nero sah sich selbst als Künstler. Er trat gar mit eigens gedichteten Versen, zu denen er die Lyra spielte, vor Publikum auf. Da öffentliches Auftreten mit künstlerischen Darbietungen für die Oberschicht verpönt war, kam das im Senat nicht gut an. Dabei waren seine Werke wohl von beachtlicher Güte. Es gibt Quellen, die Nero des Plagiats bezichtigen, der hohen Qualität seiner Verse wegen. Nero unternahm eine Griechenlandtournee, bei der er bei sämtlichen panhellenischen Spielen auftrat und so manchen Ölzweig gewann. Diese Tournee dauerte insgesamt über ein Jahr. Sie kostete ihn weitere Achtung im Senat und ob seiner langen Abwesenheit auch Beliebtheit bei der Bevölkerung. In Griechenland machte sie ihn hingegen sehr populär. Noch Jahre nach seinem Tod traten dort immer wieder Männer auf, die sich für Nero ausgaben und so versuchten, Anhänger um sich zu scharen und Ansprüche auf den Thron anzumelden.

Die heutige Wahrnehmung Neros wird hauptsächlich durch die zahlreichen Romane, Filme und Theaterstücke zu diesem Thema geprägt. Am bekanntesten ist dazu zweifelsohne der Film Quo Vadis. Leider werden die wenigsten dieser Werke Nero wirklich gerecht. Massimo Fini schreibt in seinem Buch Nero – Zweitausend Jahre Verleumdung gar, die einzige historische Persönlichkeit, die noch negativer betrachtet würde als Nero, sei Adolf Hitler. Dies ist selbstverständlich bei Leibe übertrieben, hat aber einen wahren Kern.

Man könnte über andere negativ konnotierte Kaiser – z.B. Domitian, Caligula oder Commodus – ähnliche Artikel schreiben. Eins haben sie alle gemeinsam: ein schlechtes Verhältnis zum Senat. Das lädt doch geradezu zu Schlussfolgerungen ein…

[Bildquelle: Wikimedia Commons, Andreagrossmann]

2 Kommentare ...
  1. ernest steinberg

    endlich mal wieder “geschichte gegen den strich gebürstet” (w. benjamin).

  2. tja meine Lateinlehrerin hat diesen Artikel wohl noch nicht gelesen. das sollte man ändern!