Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Liebes Facebook …

Ich kann mich noch erinnern, wie wir zusammen kamen. Ich kannte dich bereits vom Hörensagen, fand dich aber nie besonders attraktiv. Zuerst hieß es, du wärst nur für Studenten, und da war ich schon keiner mehr. Dann kam das Gerücht auf,  ein Teil deines ursprünglichen Kapitals käme aus dem Umfeld von In-Q-Tel, dem Forschungs-Finanzierung-Arm der CIA. Wahrscheinlich war gar nicht viel dran, aber du wurdest dadurch für mich nicht gerade anziehender. Auch deine Nutzungsbedingungen waren eher abschreckend, würde doch jede noch so kleine Interaktion mit dir für immer in deinem Eigentum verbleiben, auch wenn wir uns trennen sollten. Dazu gehören auch alle meine Bilder, die ich je zu dir hochlud. Ich hatte es schon verdrängt, aber jetzt wird mir wieder klar, was für umfassende Rechte du von mir einforderst.

Du aber wolltest mich. Du hast nicht locker gelassen. Zuerst kam eine Einladung pro Monat, dann eine pro Woche. Immer und immer wieder machtest du mir deine Aufwartung. Immer mehr meiner Freunde gehörten nun auch zu dir und jeder einzelne wollte scheinbar, dass ich auch mitmache. Irgendwann gab ich auf. Zuerst wusste ich nicht, was ich mit dir anfangen soll, aber mit der Zeit gewöhnte ich mich an dich.

Wir hatten Spaß! Lustige Pinnwand-Posts verkürzten mir die Zeit. Ich konnte Fotos von Freunden sehen, die ich persönlich schon seit Jahren nicht getroffen hatte. Und auch ich konnte mit witzigen Beiträgen ein paar “Likes” von Leuten einheimsen, die meinen Humor bisher noch gar nicht kannten. Du zeigtest mir, wie ich mein eigenes soziales Netzwerk digital abbilden konnte und mir wurde klar, das ich darauf nie wieder verzichten wollte.

Leider war dir das auch klar, als du zum ersten Mal mein Vetrauen missbrauchtest. Du wolltest eben unbedingt alles ausplappern, was ich dir eigentlich im Vetrauen erzählte. Wenn ich nicht genau aufpasste und einfach deinen Vorschlag zu den neuen “Privatsphäreneinstellungen” akzeptierte, hatte das zur Folge, das es keine Privatsphäre mehr für mich gab. Alles in meinem Profil war schlagartig öffentlich. Deine Entschuldigungen klangen nicht ehrlich und du zeigtest mir zum ersten Mal deine hässliche Seite. Ich war für dich nur ein Mittel zum Zweck und im Zweifel würdest du auf mich keine Rücksicht nehmen, um deine Träume zu verwirklichen. Aber die Zeit heilt alle Wunden, ich beschäftigte mich eingehend mit deinen neuen und kryptischen Einstellungen und wir kamen wieder zusammen.

Bis zum nächsten Vorfall. Diesmal wolltest du mich und meine Daten an andere Websites, also deine Geschäftspartner, weiterleiten. Und wieder hattest du die Spielregeln unserer Beziehung hinter meinem Rücken geändert, und ich musste erst von anderen Leuten davon erfahren. Zum ersten mal überlegte ich, mich wirklich von dir zu trennen, aber du wusstest: ich würde keinen Ersatz für dich finden.

Dann kamen die Krankheiten. Du probierst gerne viel aus, und du bist bei deinen Partnern nicht wählerisch. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis du dir den einen oder anderen Virus und Trojaner einfängst. Und da unser Verhältnis so nah war, hast du mich und meine Freunde auch gleich angesteckt. Mehr als ein Schulterzucken und das Versprechen, beim nächsten mal vorsichtiger zu sein, hattest du nicht für mich übrig.

Seitdem ist unser Verhältnis abgekühlt, denn auch ich lernte, dich für meine Zwecke zu benutzen. Wir sind nur noch zusammen, weil wir uns gegenseitig brauchen. Du gibst mir ein Netzwerk, um meine Nachrichten zu verbreiten, ich gebe dir meine Daten, die du gewinnbringend weiterverwerten darfst. Aber es schwingt immer die Angst mit, was du als nächstes anstellen wirst. Ich weiß inzwischen, das du mich nur als Rohstoff betrachtest und dass dir meine Gefühle und Befindlichkeiten egal sind. Echte Beziehungen hast du nur zu deinen Investoren und zahlenden Kunden. Und du bist flach, du hast keinen Charakter. All die schönen Features können nicht darüber hinweg täuschen, dass du keine Vision hast, außer vielleicht deinem Börsengang. Du denkst, du kannst dir alles erlauben, weil ich dich mindestens so sehr brauche, wie du mich.

Aber letzte Woche habe jemand neuen kennengelernt.

Google und ich kennen uns eigentlich schon seit Jahren. Wir haben viel geschäftlich miteinander zu tun. Ich schätze seine professionelle und unkomplizierte Art. Es gab auch manchmal Versuche, uns privat näher zu kommen, aber das war meistens eher peinlich. Entweder war es zu nerdig, als es mit Wave einen Social-Media-Dienst präsentierte, den sogar Programmierer wie ich kaum verstehen konnten, oder es war zu ungestüm, als es mit Buzz mein Profil ungefragt an fast jeden weiterleitete, dem ich jemals eine E-Mail geschrieben hatte. Google fehlte ein Gefühl für menschliche Beziehungen, die eben doch ein bisschen diffiziler sind als all die Datenberge, mit denen es bisher so gut umgehen konnte.

Aber das hat sich geändert. Google hat sich für mich schick gemacht, denn es will mich mindestens so sehr wie du. Und nun macht es nochmal einen neuen Anlauf, mich auch persönlich kennen zu lernen. Und es gefällt mir. Es wirkt erwachsener als du, denn es respektiert mich und meine Wünsche. Es versteht auch etwas von Diskretion. Es will mir zwar zuhören, muss aber nicht jedes meiner Gespräche gleich in die ganze Welt hinaus posaunen. Stattdessen macht es mir die Wahl einfach, wem ich was erzähle. Und kaum hatten sich ein paar Benutzer daran gestört, dass sie zu ihrem öffentlichen Profil auch ihr Geschlecht angeben sollten, hat es diesen Zwang umgehend beseitig. Google+ gibt mir das Gefühl, mir gefallen zu wollen. Du gabst mir immer das Gefühl, mich benutzen zu wollen.

Noch flirten Google+ und ich nur miteinander und ich weiss nicht, wohin uns das ganze führen wird. Und mir ist völlig klar, dass auch Google+ am Ende vor allem einen Nutzen aus mir ziehen will. Ich bin inzwischen erwachsen genug, zu wissen, das jeder vergleichbare Dienst nur eines von mir will: meine demographischen Daten. Aber es macht einen Unterschied, ob man versucht, mich zu überrumpeln, um noch ein bisschen mehr Profit heraus zu holen, so wie du das allzu oft getan hast, oder ob man es ganz offen zugibt und mir die Wahl lässt, ob ich dabei mitmachen will. Google hat ein solides, auf umfangreichen Nutzerdaten basierendes Geschäftsmodell und mein soziales Netzwerk ist nur ein Baustein mehr in seinem ohnehin schon detaillierten Bild von mir. Aber es weiß auch: ich kann gehen, wann ich will. Es macht es mir sogar leicht, viel leichter als du. Mein Profil bei Google zu löschen ist simpel und ich habe sogar die Wahl, alle meine Daten unkompliziert mitzunehmen. Google+ will mein Vertrauen, denn es will einen langfristige Beziehung mit mir aufbauen anstatt kurzfristig einen schnellen Gewinn mit mir einzufahren. Und damit ist es dir um Längen voraus, denn ich weiß: du würdest mich ohne zu zögern komplett Verkaufen, wenn der Preis stimmt.

Wir werden trotzdem erstmal Freunde bleiben, denn mein ganzer Freundeskreis hängt noch an dir. G+ lässt mich auch eine offene Beziehung führen. Es ist da nicht so zickig wie du, der es umgehend aussperrte, als es nur mal einen Blick in meine Freundesliste bei dir werfen wollte. Was in ein paar Monaten oder Jahren ist, wird sich zeigen, aber du wirst dir verdammt viel Mühe geben müssen, wenn wir noch eine gemeinsame Zukunft haben sollen.

Grüße,

dein Konrad

 

PS: Wer eine Einladung zu Google+ haben möchte, soll das einfach hier in den Kommentaren sagen. Ich schicke sie dann an die im E-Mail-Feld angegebene Adresse. Postet eure E-Mail-Adresse NICHT direkt in den Kommentar-Text!!!

 

[Foto: Wikimedia Commons – Liadmalone]

9 Kommentare ...
  1. Hallo, würde mich über eine Einladung freuen. Danke!

  2. Ich würde auch gerne eine bekommen. Danke!

  3. Falls sich die neue Beziehung zu Google+ vertiefen sollte, könnt ihr ja die “+1-Schaltfläche” auf eurer Website hinzufügen. :-)

  4. Ich warte noch auf “Pages” für Google+, um Betterson einzutragen. Im Moment rät Google davon ab, Profile für Organisationen und Firmen anzulegen, da diese ohnehin nur gelöscht würden. Zur Zeit ist G+ nur für echte Personen gedacht. Wenn Betterson dann auch als “Page” verfügbar ist, muss ich die Social-Media Integration sowieso komplett neu gestalten.

  5. Aha! Wie lange dauert das ungefähr noch? Und was muss neu gestaltet werden?

  6. und was bedeutet das überhaupt genau?

  7. Sehr nett geschrieben Konrad. I Like ;-)

    Schickst du mir auch eine Einladung? Würde deinen neuen Freund auch gerne kennenlernen. Wer weiß, vielleicht ist er ja auch was für mich :-)

  8. ernest steinberg

    gerne eine einladung an mich schicken. ich habe facebook obersatt! und danke für die info!

  9. Hey Konrad!
    SEHR gut geschrieben, ich stimme Dir vollkommen zu! Ich bin auch eher für offene Beziehungen… wäre über eine Einladung dankbar!
    danke für die tolle info!