Betterson

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Wolfgang Schäuble

Der Fall Jasper Fforde – ein Interview

Antworten auf all diese Fragen liefert Thursday Next, die Protagonistin des walisischen Autors Jasper Fforde. Der Fall Jane Eyre ist der erste von bislang fünf auf Deutsch erschienenen Romanen dieser Reihe und damit das erste Abenteuer von Thursday Next, die in teils uchronischer, teils absurder Science-Fiction-Manier von literarischem Klassiker zu Klassiker springt, um erst Jane Eyre und später diverse andere fiktive Personen oder ihren eigenen Ehemann zu retten. Dass die Geschichte dabei zu keiner Zeit albern wirkt, ist Jasper Ffordes Ideenreichtum zu verdanken, der sich in den Folgebänden In einem anderen Buch, Im Brunnen der Manuskripte, Es ist was faul und Irgendwo ganz anders zu einem der skurrilsten und verblüffendsten Literaturkonstrukte unserer Zeit steigert. Die erzählerischen Verschachtelungen sind leider zu komplex, um hier eine inhaltliche Zusammenfassung liefern zu können; deshalb bleibt nur zu sagen: Literaturnarren dieser Welt, lest Jasper Fforde – und jetzt erst mal das Interview!

Betterson: Zu Anfang eine naheliegende Standardfrage: Ist Lesen Arbeit oder Vergnügen?

Jasper Fforde: Immer Vergnügen; obwohl ich seltsamerweise gerade durch das Schreiben weniger Zeit zu lesen habe. Mein Tagesablauf ist streng durchorganisiert. Und dann sind da noch die anderen Dinge in meinem Leben – Kinder, Essen, Schlafen. Lesen ist für mich wohl nur noch eine ferne Erinnerung.

Nennen Sie ein spannendes Buch, ein langweiliges Buch und eines, dass Sie besonders beeinflusst hat.

Ich könnte so viele nennen. Sehr schwierig. Ein Buch muss spannend sein, sonst lese ich es nicht. Mein Toleranzgrenze bei Langeweile ist ziemlich niedrig. Und ich verschwende die wenige Zeit, die ich zum lesen habe, nicht für Schrott. Wenn mich das erste Kapitel eines Buches nicht fesselt, ist es durchgefallen. Einen besonderen Einfluss? Vor allem das Zeug, das ich in meiner Jugend gelesen habe. Denn das ist die Zeit, in der man am stärksten beeindruckt wird. Ich habe viele Bücher gelesen, die besser waren als Alice im Wunderland, aber keines hat mich stärker beeinflusst.

Muss man sich solche Gedanken machen, wenn man eine intertextuelle Grundlage für seine fiktive Welt schafft? Inwiefern hat Ihr persönlicher Geschmack die Auswahl gelenkt?

Nicht wirklich. Für den Witz meiner Arbeit reicht es, wenn die Allgemeinheit das Buch auf dem Schirm hat. Damit meine ich, dass meine Auswahl deutlich begrenzter ist, als es aussieht. Zu Der Fall Jane Eyre werde ich oft gefragt „Warum Jane Eyre?“ und ich antworte „Wer denn sonst?“ Sie ist die Titelheldin eines berühmten Buches, und auch wenn man es weder gelesen noch den Film oder die Serie gesehen hat, weiß man doch mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass es es ein romantisches Melodrama der viktorianischen Zeit ist und dass man damit keinen Schabernack treibt. Mehr braucht man nicht, damit mein Buch funktioniert. Es gibt in der gesamten Fiktion niemanden, der so passend für diese Rolle wäre wie sie. Sie gehört zur ersten Riege der Literatur. Von Intertextualität hatte ich keine Ahnung, als ich die Bücher geschrieben habe. Ich fand die Idee einfach amüsant.

Bevor Sie zum Schreiben kamen, waren sie lange Jahre Kameramann. Verändert der Blick durch eine Kamera den Blick auf die Welt?

Ohne mein Leben nochmal zu leben und nicht beim Film zu arbeiten ist es schwierig diesen Vergleich zu ziehen. Die Szenen eines Films werden selten in der endgültigen Reihenfolge abgedreht. Wenn man also, wie ich, auf der Seite des Schaffens arbeitet, ist die Erzählstruktur schwieriger zu erkennen. Man kann wahrscheinlich beim Anschauen eines Films genauso viel über das Erzählen lernen wie beim Dreh. Was mir wirklich geholfen hat, waren die Reisen und die seltsamen Leute, die ich dabei kennengelernt habe.

Was ist Ihrer Meinung nach sinnvoller: erst Klassiker oder erst zeitgenössische Literatur lesen?

Lest, was euch Spaß macht. Kein Patentrezept. Der beste Rat, den ich in dieser Beziehung geben kann, ist, keinen Rat anzunehmen. Lest, was euch reizt. Wenn ihr einen Booker-Preisträger oder Klassiker lesen wollt, tut es einfach – Es kann das Richtige sein oder eben nicht. Es gibt einfach kein Patentrezept.

Muss man Klassiker kennen, um Ihre Bücher zu verstehen?

Überhaupt nicht. Alles, was man wissen muss, ist, dass Shakespeare Dramen und Dickens Bücher geschrieben hat und dass Jane Eyre ein viktorianisches Melodrama war. Viele Witze kann man wahrscheinlich mit größerer Kenntnis besser verstehen und würdigen, aber das trifft auf alles zu. Es reicht, dass ich für Menschen schreibe, die lesen, denn ich glaube die meisten Leser haben Grundkenntnisse der Literatur.

Sie nehmen in Ihren Büchern auf viele Klassiker Bezug. Wie wichtig sind Klassiker heutzutage? Und wie wichtig sind sie für Sie?

Ich glaube, die Menschen haben sich jetzt schon eine ganze Weile mit den Klassikern herumgeschlagen, aber im Gegensatz zu mir haben sie noch kein Schindluder damit getrieben. Mein Ziel ist es, Genres auf eine neue Art zu unterwandern. Normalerweise führt das Erzählen in eine Richtung. Dabei ist es wesentlich lustiger, wenn man vom Weg abkommt.

Thursday Next ist eine unnahbare und oft zickige Kriegsveteranin. Welchen Problemen muss man sich beim Schreiben von Unterhaltungsliteratur stellen, wenn man einen Charakter entwirft, der nicht auf den ersten Blick durch Sympathie besticht, also nicht sofort zur Identifikation einlädt?

Protagonisten sind zu einem gewissen Grad immer sympathisch. Eine böse Figur hat Fehler und diese Fehler machen sie menschlich. Auch wenn sie unvorstellbar schlecht wirken, gibt es immer die Hoffnung auf Wiedergutmachung. Ich erfinde gerne Bösewichte, vor allem solche, die Nieten sind im ‘Schlechtsein’.

Auf dieser Welt gibt es immer weniger Geheimnisse. Ist Der Brunnen der Manuskripte ein Versuch, etwas Romantik in eigentlich klare Prozesse zu bringen?

Nein, ich glaube es ist sogar noch einfacher als das. Ich versuche nur zu erzählen und zu unterhalten. Das Schreiben hat oft weniger Hintergrund, als die Menschen glauben. Aber das ist schwierig zu erklären, vor allem weil viele Autoren den Eindruck erwecken wollen, ihr Buch würde vor Bedeutung strotzen; wir fördern diesen Eindruck also oft selbst. Ich persönlich entscheide mich für eine Umgebung und deren Umstände und schaue, wo mich das hinführt. Dabei behalte ich immer im Hinterkopf, dass das Buch einen Sinn haben muss und arbeite darauf hin. Es hat mehr mit Tappen im Dunklen zu tun als mit eleganten Plänen und meisterhaftem Handlungsverlauf – zumindest in meinem Fall.

 

6 Kommentare ...
  1. ernest steinberg

    danke für das klasse interview, das sehr authentisch wirkt! jasper fforde – wieso denn das doppel-f, hätte mich mal interessiert. wenn ihr so weiter macht, könnt ihr noch an die interviews der “paris review” anknüpfen.

  2. doppel-f, weil er wahl-waliser ist.

  3. Sehr schöne Einleitung, die den Charakter seiner Bücher gut umschreibt. Schade, dass seine Antworten manchmal etwas schwammig sind. Immer diese über-höflichen Briten … Hauptsache, er schreibt noch viele Thursday-Next-Romane!

  4. der sechste ist in england schon draußen. ist also nur noch eine frage der zeit, bis er übersetzt ist. wobei: die übersetzung ist nicht unbedingt immer gelungen. also besser im original lesen!

  5. Ihr wollt nicht warten, bis ihr GRAU werdet?

    Erfahrt als erste deutschen Leser, was sich Jasper Fforde für sein neues Meisterwerk “Grau” ausgedacht hat! Für ein exklusives Vorabexemplar beantwortet uns folgende Frage:

    Warum bist du der größte Jasper Fforde-Fan unter der Sonne?

    Schickt eure Antworten an jasperfforde@eichborn.de

    http://eddie-russett.de/

    *Vorabexemplare solange der Vorrat reicht!*

  6. Interview zu “Grau”:

    http://www.jasperfforde.net/interview/