Betterson

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Wolfgang Schäuble

Ihr tragt Verantwortung, liebe Buchblogger

Nicht jeder kann Literaturwissenschaft studiert haben, ja tatsächlich sollte nicht jeder Literaturwissenschaft studiert haben. Man kann eine gute und fundierte Meinung zu Literatur haben, ohne von Nullfokalisierung, heterodiegetischem Erzählen oder Metalepse je gehört zu haben; ohne Aristoteles‘ Poetik und Roman Jakobsons Kommunikationsmodell verinnerlicht zu haben. Wenn ich lese, identifiziere ich nicht als erstes Verfremdung nach Wiktor Schklowski oder Julia Kristewas Mosiak der Zitate, und Wolfgang Isers Impliziter Leser kann mir beim Lesen herzlich gestohlen bleiben.

Um ein Buch zu besprechen, braucht es all dies nicht. Zu einer guten Rezension gehören dennoch zwei Dinge, ohne die man keinem Buch gerecht werden kann, und die leider in der bunten Welt der Online-Rezensionen viel zu oft zu kurz kommen.

Erst einmal braucht man eine gewisse literarische Vorbildung, ohne die man einen Text nicht in einen Kontext setzen kann. Es ist unmöglich mehr als „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ zu sagen, wenn man keine Vergleichspunkte hat. Über ein Gemälde kann ich auch nur fundiert sprechen, wenn ich mich mit bildender Kunst auskenne. Das gilt doch eigentlich für alles im Leben: Musik, Mode, Gartendesign, Fußball – und natürlich auch für Literatur. Wenn also eine Rezension zu einer Pride and Prejudice-Satire beginnt mit den Worten „Ich habe das Original nicht gelesen, aber…“,  kann man hier auch getrost aufhören zu lesen. Denn offensichtlich hat der/die Autor_in die Vorlage bewusst gewählt. Wie kann man als Leser also eine fundierte Meinung haben, ohne zu verstehen, warum Jane Austens Klassiker für den Text so wichtig ist? Um die Qualität eines intertextuellen Werks feststellen zu können, muss man verstehen können, wie der neue Text mit dem alten umgeht, mit ihm kommuniziert. Und das gilt auch für Bücher, die nicht direkt auf einen Prätext anspielen. Wenn ich einen Thriller rezensiere, muss ich wissen, wie Thriller sonst aussehen, wenn ich einen Liebesroman für schnulzig und billig halte, muss ich vorher abchecken, ob das nicht im Sinne des Genres ist.

Der zweite und meiner Meinung nach wichtigere Aspekt betrifft das Buch als fiktionales Werk. Denn ein solches ist es und als solches muss man es auch sehen. Natürlich dürfen in einem guten Buch keine Logikfehler vorkommen, aber nicht jeder Leser muss jede Handlung nachvollziehen können. Ebenso wie man nicht jede Entscheidung der besten Freundin genauso treffen würde, kann man nicht die Qualität eines Buches daran festmachen, ob man sich mit, sagen wir mal, Gregor Samsa identifizieren oder Catherine Earnshaws Männerwahl nachvollziehen kann. Sich in einen Charakter hineinversetzen zu können, ist kein Qualitätsmerkmal per se, und umgekehrt ist ein Buch nicht deswegen schlecht, weil die Hauptfiguren zu wenig Identifikationsfläche bieten. Wenn Freundinnen von ihren Partnern erzählen, die man nicht leiden kann, wird man ja auch nicht sagen „Ich kann mich in dich echt nicht hineinversetzen. Das ist total unglaubwürdig, wie du dich verhältst.“ Im Leben wie in der Literatur passieren Dinge, die uns fremd sind. Je komplexer dabei die Figur, desto spannender kann es werden. Wir sollten keine Bücher lesen, um unser Weltbild bestätigt zu sehen, sondern um unseren Horizont zu erweitern.

Es gibt sagenhafte Literaturblogs, die mit Literatur haargenau so umgehen. Die ihren Lesern Bücher auf eine erhellende und verständige Weise näherbringen, ohne sie zu reduzieren. Und dann gibt es die Blogs, die das eben nicht tun. Die leider deutlich in der Überzahl sind. Und die mit ihren Zwei-Sterne-Rezensionen auf Amazon und anderen Plattformen bei vielen guten Büchern Schaden anrichten, weil sie sich in die Hauptfigur nicht hineinversetzen konnten. Bei vielen Büchern mag das tatsächlich eine Schwachstelle sein. Vor allem bei YA- oder ChickLit-Werken geht es sicher nicht ohne. Aber auch hier kann es nicht das einzige Bewertungskriterium sein.

Es gibt einige Online-Diskussionen , in denen Blogger sich beschweren, das Feuilleton nehme sie nicht ernst. Das stimmt sicher. Aber, liebe Buchblogger, zuerst müsst ihr euch eurer Verantwortung bewusst werden. Bildet euch, lest genau, überlegt euch wirklich, warum euch ein Buch nicht gefällt und entfernt euch von vom super-subjektiven Nachvollziehen, Sichhineinversetzen und Identifizieren. Und noch ein kleiner Tipp am Rande: Setzt Kommata, wo sie hingehören. Denn wer ernst genommen werden will in der literarischen Welt, in der es darum geht, sich verbal auszudrücken, muss die Grundregeln der Rechtschreibung und Zeichensetzung beherrschen.

 

Bildquelle: Pixabay, BarnImages

 

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