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Donna Tartts Suche nach dem Paradise Lost – Gute Gründe, warum man diese Autorin lieben sollte

The Secret History, erschienen 1992 bei Alfred A. Knopf, war Donna Tartts großer Wurf. Der über 500 Seiten starke Erstlings-Roman wurde als Bestseller in 24 Sprachen übersetzt und verkaufte sich über eine Million Mal weltweit. Trotzdem verhinderte die Autorin, dass ihr Roman verfilmt wurde: Zuerst verkaufte sie die Filmrechte, erwarb sie dann aber unter Verlust zurück.

Schon allein dieses Verhalten macht stutzen in Zeiten der gnadenlosen medialen Ausschlachtung jedes halbwegs erfolgreichen Stoffes, wie man es zum Beispiel von der Harry Potter-Serie kennt. Doch es lässt diese Frau nicht nur ein wenig eigenbrötlerisch, sondern gerade auch sehr sympathisch erscheinen. Denn die heute 49-jährige Donna Tartt ist kein Mensch, der sich in seinem Erfolg sonnt oder mit ihm hausieren geht. Ihr zurückgezogener Lebensstil ruft bereits Vergleiche mit J.D. Salingers Öffentlichkeitsscheu hervor, keiner weiß etwas über ihr Privatleben, sie gibt kaum Interviews und veröffentlicht nur alle zehn Jahre einen Roman. Wer ist diese Frau, und warum macht sie aus sich so ein Geheimnis?

Das Wenige, was man über sie weiß, wird oft zur Hilfe genommen, um ihre Person und ihre Texte zu verstehen. Ihre Studienzeit am Bennington College zum Beispiel und ihre Freundschaft zu dem damaligen Kommilitonen Bret Easton Ellis werden immer wieder als Referenz für ihr Schreiben herangezogen. Aufgrund der motivischen Anleihen an die Kriminal- und Horrorliteratur werden Tartts Romane oft auf dieses Genre eingeschränkt – sehr zu Unrecht. Das Universum von Donna Tartts Texten hat nämlich viel mehr zu bieten:

  • Qualität statt Quantität. Ihre Romane werden über 10 Jahre hinweg entwickelt, und das merkt man ihnen auch an. (In einem Interview sagte Tartt, sie könne sich nichts Schlimmeres vorstellen,„than having to turn out a book every year. It would be hell.“)
  • Ihre bis dato veröffentlichten Romane The Secret History und The Little Friend zeigen Tartts Meisterschaft darin, mit subtilen Mitteln große Spannung aufzubauen. Beide Romane sind oberflächlich betrachtet Krimis: In The Secret History geht es um eine Gruppe von Studenten, die einen Mord begeht, in The Little Friend versucht eine Zwölfjährige, den Mord an ihrem Bruder aufzuklären. Doch die eigentlichen „Krimis“ finden in der Psyche der Figuren statt, besonders in The Secret History. Dieser Roman braucht den Vergleich mit Dostojewskijs Verbrechen und Strafe durchaus nicht zu scheuen.
  • Tartt versteht es, die Psyche von jungen Menschen in einer derartigen Intensität und Plastizität auszuleuchten, wie sie einem selten begegnet. Stets treffend, halb ironisch, halb ernst, schildert sie die Emotionen von Heranwachsenden bzw. jungen Erwachsenen, wie sie der Leser selbst (noch) kennt: die Langeweile, die Frustration, die Unsicherheiten und die Verzweiflung bei der Suche nach Vorbildern, aber auch die für junge Menschen typische Naivität und Hybris, in die sich ihre Figuren gerne hineinsteigern. (Vergleiche mit Salinger sind deshalb auch auf inhaltlicher Ebene legitim.)
  • Auch anspruchsvolle Leser kommen auf ihre Kosten! Ihre Romane sind komplexe, vielschichtige Werke, die sich entschieden nicht auf ein Genre festlegen lassen (besonders The Little Friend) und den Leser deshalb umso mehr zum Nachdenken bringen. Außerdem halten sie eine Vielzahl an geschickt eingesetzten Zitaten aus Werken der Weltliteratur parat (Pound, Fitzgerald, Flaubert…)
  • Kaum schlagbar ist Tartts bissiger Humor und ihr Talent, herrlich absurde Situationen und Dialoge zu entwerfen. Von Zeit zu Zeit geraten ihre Romane zu trocken-ironischen Satiren auf die amerikanische Gesellschaft (z.B. die Beerdigungssequenz in The Secret History). Außerdem spielt die amerikanische Popkultur eine große Rolle in ihren Texten. Durch eine Vielzahl von Zitaten aus Filmen, Songtexten, Fernseh-Shows usw. und durch die Nachahmung von Jugend-Slang entsteht eine Art „amerikanischer Realismus“, der aber auch wieder in Frage gestellt wird. Ihre Figuren sind stets auf der Suche nach Vorbildern und Werten jenseits der Mainstream-Kultur.
  • Das Leitmotiv ihrer beiden Romane ist eine melancholische Grundstimmung, an die man sich zuerst gewöhnen muss, die aber gleichzeitig einen unwiderstehlichen Sog auf den Leser ausübt. Ein wichtiges Thema ist die Trauer über den Verlust der Unschuld und der Kindheit. Die Figuren, und mit ihnen der Leser, sind stets auf der Suche nach ihrem persönlichen Paradise Lost.
  • Den kauzigen, etwas altmodischen Charme der Autorin muss man einfach sympathisch finden. Angeblich verfasst sie ihre Romane handschriftlich. Sie stammt aus einer alten Familie aus den Südstaaten, weshalb ihr Stil manchmal als „southern gothic“ bezeichnet wird.

Auch The Goldfinch, Tartts dritter Roman, enthält laut Verlag ein „enormous mystery“ als Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Der dreizehnjährige Theo Decker hat seine Mutter bei einem Unfall verloren, den er selbst überlebt hat. Sein Vater hat ihn verlassen, er lebt bei Pflegeeltern. Bei dem Bemühen, das Geheimnis um sein Schicksal zu lüften, hilft ihm allein ein mysteriöses Gemälde, das ihm seine Mutter hinterlassen hat. Theo wird immer mehr in die Unterwelt der Kunst hineingezogen.

Der Roman wird am 22. Oktober 2013 erscheinen. Wir zählen die Tage bis dahin!

[Bildquelle: flickr, Fouquier 3]

1 Kommentar ...
  1. Kenne nur The Secret History, fand das aber auch sehr spannend. Definitiv einer der besten College-Romane, die ich kenne. Jetzt freue ich mich auf jeden Fall auf den Goldfinch, danke für den Artikel, sonst hätte ich das womöglich verpasst. (Gibt es nicht eine Geschichte von Roald Dahl, wo Menschen in Bildern gefangen werden?)