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Bildende Buchkunst: Tree of Codes

„Gute Schriftsteller gefallen, sehr gute Schriftsteller lassen einen fühlen und denken, großartige Schriftsteller verändern einen“, schreibt der amerikanische Autor Jonathan Safran Foer in seinem Vorwort zur englischen Ausgabe von Bruno Schulz’ Street of Crocodiles. Ein großartiger Schriftsteller – das ist der polnische Autor Bruno Schulz für Jonathan Safran Foer; und Foer ist es für mich und tausende andere. Foer hat durch seine beiden Romane Alles ist erleuchtet und Extrem laut und unglaublich nah sowie vor allem durch sein Sachbuch Tiere essen weltweit einen enormen Bekanntheitsgrad erlangt.

Nun hat er ein Stück Literatur erschaffen, das die beiden anderen fiktionalen Werke an Kunstfertigkeit noch übertrifft – obwohl seine beiden ersten Romane zu den wohl schönsten und besten gehören, die dieses junge Jahrtausend bisher erlebt hat. Es ist ihm in Zeiten von e-Books und Massenverbreitung durch das Internet gelungen, ein Buch zu kreieren, dass man besitzen muss, um es zu begreifen: Tree of Codes. Schon ohne es zu lesen, gleich beim ersten Aufschlagen bewirkt es Immenses: Die haptische Faszination der Seiten, die Dreidimensionalität in der man die einzelnen Worte wahrzunehmen glaubt, die scheinbare Verletzlichkeit des Buches, all dies führt zu einer Art ungläubigem Entzücken. Dreidimensionalität? Verletzlichkeit? Entzücken? „Was für ein kitischiger Blödsinn“, wird man denken. „Wie soll so etwas möglich sein?“, wird man fragen.

Jonathan Safran Foer ist es gelungen mit den Worten aus Bruno Schulz’ Geschichte einer Kindheit in einem jüdischen Schtetl – von der Darstellung ließ er sich schon für seinen ersten Roman inspirieren – eine neue, völlig eigene Familiengeschichte zu erzählen. Von den Seiten der Street of Crocodiles sind nurmehr Fragmente übrig geblieben, der Rest wurde herausgestanzt. Und so sind pro Seite noch etwa 15 bis 20 Wörter übrig, die zwar alle aus Schulz’ Werk stammen, hier aber neu zusammengefügt eine eigene, beinahe selbständige Geschichte ergeben. Beinahe selbständig deswegen, weil die Bedeutung des Elements der bildenden Kunst, die das Buch fast schon zu einer Skulptur werden lässt, nicht unterschätzt werden darf. Das wird schon durch den Titel Tree of Codes deutlich, der ja in Street of Crocodiles enthalten ist, also nur durch deren Buchstaben existieren kann.

Die Technik erinnert an Malereien, die Schulz in seiner Zeit im jüdischen Ghetto in Drohobycz an die Kinderzimmerwand im Hause des SS-Hauptscharführers Felix Landau pinselte. Sie wurden mit den Jahren übermalt, sodass sein Kunstwerk nur noch schemenhaft zu erahnen ist. Genauso hat Foer Schulz’ Worte unsichtbar gemacht. Die Schemen des einstigen Gemäldes sind die Worte, die in Tree of Codes übrig geblieben sind. Wo allerdings im einen Fall – nun in Yad Vashem – kaum mehr als eine Ahnung der ehemaligen Schönheit bleibt, wird im anderen Fall etwas Neues erschaffen: eine Hommage an einen Autor und die berührende Geschichte eines Ich-Erzählers über seinen Vater – ein beinahe unheimliches Kunstwerk.

Unheimlich ist es auch deswegen, weil die herausgeschnittenen Teile mit der Fragmenthaftigkeit von Schulz’ Werk spielt: Als die Deutschen in Drohobycz ankamen, verteilte Schulz seine Manuskripte zur Aufbewahrung an Freunde – die meisten seiner Schriften gingen wohl verloren. Foer verweist durch die ausgestanzten Leerstellen auf die grauenhafte Tragik, die nicht nur Bruno Schulz, sondern der gesamten jüdischen Kultur angetan wurde.

[Bildquelle 1: Ben Terret, Flickr, Bildquelle 2: David Shakbone, Wikimedia Commons, Bildquelle 3: Aviados, Wikimedia Commons]

 

7 Kommentare ...
  1. Nachdem ich es nun endlich mal in der Hand hatte: ein Traum. Bin schon auf die Nachahmer gespannt.

  2. Ich glaube kaum, dass es (viele) Nachahmer geben wird. Denn nicht nur ist es ein verdammt großer Aufwand für den Autor, auch lohnt sich auf Dauer wohl die Herstellung nicht.

  3. Ich dachte mehr an den Trend zum Erlebnisbuch, der sicherlich kommen wird.

  4. ernest steinberg

    danke für den begeisterten hinweis, ich werde mir das buch in jedem fall ansehen. wie kommt es, dass safran foers – ein kunstname? – seine bücher an schulz entlang schreibt? ist doch höchst merkwürdig.

  5. Ich glaube nicht, dass es sich um einen Kunstnamen handelt.
    Es ist ja übertrieben, zu sagen, Foer schriebe seine Bücher an Schulz entlang. Er hat sich für sein erstes Werk Inspiration für die Schilderung eines Schtetls geholt. Mehr nicht. Dass er jetzt ein Buch aus den Worten von Schulz gemacht hat, hat mehrere Gründe: Foer sagt selbst, dass er, müsste er die schwierige Frage nach seinem Lieblingsautor beantworten, Schulz nennen würde. Außerdem geht es hier ja auch – wie erwähnt – um ein Stück jüdische Kultur. Foer ist selbst Jude, und die Gräuel, die die Deutschen dem jüdischen Volk angetan haben, ziehen sich durch jedes seiner Bücher.

  6. Liebe Ginka, du hattest Recht, das ist echt mal ein verdammt interessantes Stück Literatur. Nachdem ich ja vom Ersten nicht so besonders begeistert war, was ja vielleicht an der Übersetzung lag (wenn ich Zeit habe lese ich mal das Original), scheint mir das hier aber schon arg wie ein Kunstwerk. Finde aber das ist weniger Erlebnis, sondern eine neue Möglichkeit mit dem Medium Buch und Schrift neu umzugehen. Das es ein wenig an die Faltbücher für Kinder erinnert, tut dem nichts ab.

    Nur eins Ginka, gibts denn nicht was passenderes als “die Deutschen”, da gibts doch treffenderes wie “die Nazis”, oder das “nationalsozialistische Reich Deutschlands”?

  7. Ich dachte, jeder wüsste, was gemeint ist mit Deutschen, die in den 1940ern in Polen einfallen. Zur Erklärung: Es geht nicht um Frauen und Kinder oder Widerstandskämpfer.

    Das mit dem Faltbuch würde ich nicht unterstützen. Natürlich hat es was von “Literatur zum anfassen”, ist aber doch wesentlich komplexer und vor allem fragiler. Man blättert es auch ganz normal von vorne bis hinten.