Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Amerika, Land der unbegrenzten … ja was eigentlich?

Joey Goebel ist in Deutschland bekannter als in den USA. Das mag zum einen an den scheußlichen Covers liegen, die sein amerikanischer Verlag gewählt hat, während Diogenes hierzulande die dezenten weißen Buchdeckel mit gewohnt geschmackvollen Bildern verziert hat. Zum anderen hat es sicher auch mit Goebels beißender Kritik an der amerikanischen Gesellschaft zu tun. Dabei ist er so ironisch, dass seine Bücher zu einem Heidenspaß werden, und so ehrlich, dass sie auch ein bisschen traurig machen. Kein Wunder also, dass es der Mehrzahl der Amerikaner keine Freude bereitet, sich in diesem Spiegel des Sarkasmus wieder zu sehen – und kein Wunder, dass es in Deutschland genug Leser dafür gibt. Denn wenn man ehrlich ist, macht man sich schon gerne lustig über die Menschen in jenem Land, die sich nur von Fastfood ernähren und sofort „Yeehaw“ schreien, wenn es in den nächsten Krieg geht, um das Vaterland zu verteidigen. Und vor allem sieht man dann das eigene Rohkost-Leben, in dem sowohl Holzschwerter für Kinder als auch Deutschlandfahnen zur Fußball-WM tabu sind, wieder bestätigt oder sogar in einem noch gleißenderen Licht als vorher. Doch das ist hier nicht das Thema. Völlig egal, aus welchen Gründen man die Bücher von Joey Goebel liest: Freaks, Heartland, und vor allem der mittlere Roman Vincent sind eine Bereicherung und Befriedigung für jeden denkenden und halbwegs kritischen Geist. Im Gespräch mit Betterson beantwortet Joey Goebel Fragen zu Amerika, Deutschland und vor allem zu seinem Schreiben.

Betterson: Soll ich „Du“ oder „Sie“ sagen?

Joey Goebel: „Du“ bitte. Ich lieben diesen Aspekt der deutschen Sprache.

Was denkst Du über Amerika?

Wie wohl jeder habe ich gemischte Gefühle meinem Heimatland gegenüber. Ich bin vor allen Dingen stolz auf den Einfluss, den unsere Gegenkultur auf den Rest der Welt hat. Ich schäme mich dafür, dass der Schwerpunkt unseres Etats auf dem Militär liegt. Aber alles in allem ist Amerika ein schöner Ort, um dort aufzuwachen.

… Deutschland?

Gegenüber Deutschland habe ich keine gemischten Gefühle, weil mir seine negativen Seiten bis jetzt verborgen geblieben sind. Deutschland, Österreich und die Schweiz haben mich als Schriftsteller berühmt gemacht. Ich kann also nur Positives sagen. Die Menschen, die ich in Deutschland getroffen habe, besitzen Klasse in jeder Beziehung. Jedes Mal, wenn ich eure Flagge sehe, macht es mich froh.

… Kleinstädte?

Das hängt von den Leuten ab. In Großstädten erfüllen die Menschen ihre Träume. In Kleinstädten wohnen die Menschen, die vielleicht schon wissen, dass ihre Träume Illusionen sind. Vielleicht sind Menschen in der Kleinstadt authentischer. Vielleicht auch nicht. Es spielt wohl keine Rolle.

… Popkultur?

Popkultur hat eine große Bedeutung, auch für mein Schreiben. In meinen Seminaren über klassische Literatur am College haben wir Homer und Vergil gelesen, die Fußnoten haben die Verweise auf die ganzen Mythen erklärt. Ich sehe die Popkultur als Schaffen von modernen Mythen. Sie ist ein allgemeiner Bezugspunkt für ganze Völker; sie ist nicht automatisch dämlich.

… Dance-Coverversionen?

Das sagt mir nichts. Aber es klingt nach sehr niveauloser Unterhaltung.

Welche Bücher wirst Du Deinen Kindern vorlesen?

Ich werde ihnen Die Leiden des jungen Werther vorlesen. Nein ernsthaft, ich werde sie mit deutscher Literatur in Berührung bringen. Vor Jahren hat mir der Diogenes-Verlag  einige Kinderbücher geschickt, weil sie wussten, dass ich kein Deutsch lesen konnte und dachten, ich könnte wenigstens die Illustrationen bewundern. Ich lerne langsam Deutsch, also werde ich meinem Kind beibringen, was ich schon weiß, es wird mich dann wohl schnell überholen und mir beibringen, was es weiß.

Die Themen Deiner ersten drei Bücher steigern sich vom Mikrokosmos Band zum Makrokosmos Unterhaltungsindustrie bis zur Politik in Amerika. Was kannst Du über Deinen nächsten Roman sagen?

Ich bin froh, dass Du das fragst. Ich habe mich in meinem nächsten Roman wieder zurückbesonnen auf “das Kleine”. Noch kleiner sogar als Freaks. Alles geschieht an einem Tag, in acht Stunden, in einer Highschool in Kentucky. Nachdem ich dieses 700-Seiten-Monster (Heartland) geschrieben hatte, wollte ich es überschaubar haben.

Gibt es schon einen Titel?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Ich gegen Osbourne heißen wird.

Wann wird er erscheinen?

Das weiß ich nicht. Ich würde mal annehmen, dass es irgendwann 2012 so weit sein wird. Ich bin fast fertig, aber er muss erst einmal übersetzt werden. Denn diesmal erscheint mein Buch zuerst auf Deutsch.

In Vincent wird jede Figur durch ihren Lieblingsfilm, ihre Lieblingsband und ihre Lieblingsserie charakterisiert. Warum nicht auch durch das Lieblingsbuch?

Ich habe die Lieblingsbücher nicht erwähnt, weil ich glaube, dass Bücher traurigerweise nicht mehr den Einfluss auf die Menschen haben, den sie früher hatten. Ich sollte das klarstellen: Ich rede hier von Amerika. Der amerikanische Geist wird durch Musik, Filme und Fernsehen geformt – nicht so sehr durch Bücher. Das ist ein Teil unseres Problems. Außerdem haben die Hälfte der Charaktere, wie Chad oder Veronica, noch nie ein Buch gelesen.

Was wären diese drei für Dich?

Zur Zeit sind The Smiths meine Lieblingsband. Mein Lieblingsfilm ist Cool Hand Luke (Der Unbeugsame). Und Lost ist vermutlich meine Lieblingsserie.

Welchen Deiner Protagonisten magst Du am liebsten? Was macht den Unterschied?

Luster aus Freaks hat eine besondere Bedeutung für mich. Durch ihn konnte ich mir ein paar Träume erfüllen, weil er den Menschen genau die Dinge sagt, die ich wünschte sagen zu können. Dieser Charakter hatte so viel Energie, dass es einen ausgesprochenen Spaß machte, ihn zu schreiben.

Wie stellst Du Dir deine Leser vor?

Ich liebe diese Frage! Ich stelle sie mir als nervöse Menschen vor. Und ich stelle mir vor, dass es ihnen nicht gefällt, in welche Richtung sich diese Welt entwickelt, und dass sie den Fernseher anschalten und schon wissen, dass sie von dem, was sie sehen, angewidert sein werden – sie tun es aber trotzdem. Wahrscheinlich sind es sehr besorgte Menschen.

[Bildquelle: Joey Goebel]

 

7 Kommentare ...
  1. Ich bin immer noch baff, dass sein nächstes Buch zuerst auf Deutsch erscheint. Was will uns das über Amerika und Deutschland sagen?

  2. Über Deutschland nur Gutes!

  3. ernest steinberg

    super titel! sehr gut finde ich, was goebel zur pop-kultur sagt: dass sie neue mythen schaffe. aber sind mythen nicht genau das, wovor wir auf der hut sein müssen? weil mythen aufgrund ihrer struktur immer verlogen sind.

  4. was meinst du damit?

  5. Frank Bergers

    Klar, daß Joey Goebel in den USA nicht so gut ankommt wie bei uns, denn Kritik an sich selbst wird dort nicht so gerne gesehen, selbst nicht in einer so grandiosen Verpackung, wie Joey Goebel sie zu servieren pflegt. Der Erfolg in Deutschland mag weniger mit den (wirklich) geschmackvoll aussehenden Bänden des Diogenes Verlages zu tun haben (und ja, die amerikanischen Originale sehen wirklich gruselig aus) – es liegt definitiv an der Qualität seiner Texte, denn hier haben wir einen, der eine grosse Karriere vor sich hat, denn der Junge ist schlicht und einfach richtig gut, schon jetzt. “Heartland” ist ein Geniestreich und auch in “Freaks” finden sich Sätze, die in ihrer Weisheit so gar nicht zum Alter des Autors passen wollen.

  6. Uneingeschränkte Zustimmung. Allerdings muss man dazu sagen, dass die Qualität seiner Texte in der deutschen – doch sehr bescheidenen – Übersetzung gar nicht so richtig zu Geltung kommt. Klar, den Inhalt kann man kaum kaputt machen. Aber dass er auch sprachlich richtig gut ist, das lässt sich an der Übersetzung nicht immer erkennen.

  7. Ich freue mich schon arg aufs neue Buch, bin soeben mit Heartland (leider) fertig geworden, kann es kaum erwarten! Genie ist so ein großes Wort, aber ich komme nicht herum, ihn oder seine Texte als einen wahren Geniestreich zu bezeichnen. So viel Wahrheit und so wenig Ätz – Respekt!!!