Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Undifferenzierte Differenzierung

Jedem die Ausbildung zu ermöglichen, die für ihn die Beste ist, so lautet das vorgebliche Kredo des deutschen dreigliedrigen Schulsystems. Vor allem die Christsozialen schwärmen gerne davon, wie jedem durch die Differenzierung zwischen Haupt-, Realschule und Gymnasium ein perfekt zugeschnittener Bildungsweg ermöglicht werden kann: die Praxisbegabten an die Hauptschule, die späteren Angestellten und Fachkräfte an die Realschulen und die späteren Ingenieure, Dichter und Denker ans Gymnasium. So weit so gut. Nur sieht es in der Realität vollkommen anders aus, nicht die Praxisbegabten landen an den Hauptschulen, sondern Kinder aus den sogenannten „bildungsfernen Schichten“. Also Kinder von Arbeitern, Migranten oder Eltern, die ihrerseits bereits am deutschen Schulsystem gescheitert sind. Das zu ändern schreiben sich zwar alle Parteien auf die Fahnen, jedoch sind diese Versprechungen bei den meisten wohl eher pure Heuchelei. Denn das deutsche Schulsystem ist so konzipiert, dass es eben keine Chancengleichheit herstellt, sondern die gegebene Sozialstruktur reproduziert – und mit ihr die Verteilung an Bildung.

Um diesem Gedankengang nachzugehen, lohnt es sich, auf den dänischen Soziologen Gota Esping-Andersen zurückzugreifen. In seinen Arbeiten über den Wohlfahrtstaat identifiziert Esping-Andersen (u. a. 1990) drei Typen: den liberalen, den konservativen und den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat. Sorgt im liberalen Typus das Individuum selbst für seine soziale Vorsorge, ist es im sozialdemokratischen Modell – in skandinavischen Staaten sehr gängig – der Staat, der das soziale Auffangnetz für alle aufspannt. Das konservative Modell, dem auch Deutschland und Österreich angehören, ist gewissermaßen auf halber Strecke stehen geblieben. Zwar garantiert der Staat einen gewissen Schutz vor dem sozialen Abstieg, jedoch sind seine sozialen Sicherungssysteme so gebaut, dass jede Schicht gewissermaßen auf ihrem Niveau verhaftet bleibt. Die Umverteilung in diesem Modell ist zwar existent, jedoch nicht radikal genug, um die Schichtgrenzen aufzusprengen, die die Gesellschaft gliedern. Um es beispielhaft zu sagen: ein Arbeiter bekommt die Vorsorge eines Arbeiters, ein Akademiker die eines Akademikers und so fort. Sicherlich ist diese Pauschalisierung unscharf und gerade in der heutigen Zeit, in der fast jeder Staat der neoliberalen Auffassung des Wohlfahrstaats immer mehr Platz einräumt nicht mehr ganz zutreffend. Jedoch lassen sich aus dieser Typologie interessante Schlussfolgerungen für das Thema Bildung ableiten.

Geht es denn überhaupt darum, jeder Schicht Chancengleichheit einzuräumen? Es soll hier nicht geleugnet werden, dass es möglich ist, als Arbeiterkind oder als Kind mit Migrationshintergrund einen Studienabschluss zu erlangen. Jedoch ist es für diese Kinder strukturell ungemein schwerer. Zahlen des Hochschulinformations-Systems machen dies deutlich: so sind es bei Studienanfängern nur 11% der Studenten, die einen Migrationshintergrund aufweisen. Migranten- und Arbeiterkinder verzichten ungleich häufiger auf ein Studium als Akademikerkinder, das Bildungsniveau des Vaters bleibt weiterhin ein guter Indikator dafür, ob ein Jugendlicher nach dem Gymnasium ein Studium ergreifen wird, oder nicht.

Doch wenn man über den Hochschulzugang redet, ist man eigentlich schon zu weit fortgeschritten. Denn der eigentliche Knackpunkt liegt bei ca. elf Jahren, wenn entschieden wird, wohin der Bildungsweg eines Kindes führen soll. Doris Bühler-Niederberger spricht in ihrem Artikel in der APuZ (17/2009) nicht zu Unrecht über die Kindheit als Konstruktion sozialer Ungleichheit. Denn die finanziellen Kapazitäten und das Bildungsniveau der Eltern sind entscheidend dafür, wie einfach es ein Kind beim Übertritt haben wird. Wer dies als Übertreibung abtut, dem sei eine Studie des Bildungsforschers Stefan Hradil (2009) nahe gelegt: Hradil untersuchte das Verhalten der Lehrer bei der Übertrittsempfehlung bei Schülern mit der Durchschnittsnote 2,0. Er fand heraus, dass Kinder aus einkommensstarken Schichten zu 97 Prozent eine Empfehlung für das Gymnasium erhalten – bei den niedrigen Bildungs- und Einkommensschichten sind dies gerade mal 76 Prozent.

Auch das Modell des Bildungstrichters des Hochschul-Informationssystems macht die frühe Selektion deutlich: Als erste Schwelle identifizieren die Forscher den Übergang zur Sekundarstufe II. Bei Kindern von Akademikern lag die Übergangsquote 2007 bei 81%, bei Kindern von Nicht-Akademikern nur bei 45%. Bei der zweiten Schwelle, dem Hochschulzugang sieht es dann nur wenig anders aus.

Das deutsche Schulsystem ist in seiner Dreigliedrigkeit ein institutionalisierter Katalysator sozialer Ungleichheit. Kindern, deren Eltern sich teure Nachhilfe nicht leisten können, Kindern von Alleinerziehenden, die keine Zeit haben bei den Hausaufgaben zu helfen, oder Kindern, deren Eltern Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, wird das dreigliedrige Schulsystem nicht gerecht. In den kurzen vier Jahren gemeinsamen Lernens haben sie viel zu geringe Chancen, ihre schlechtere Startposition auszugleichen. Ihr Talent landet auf der von Bildungsforschern wie von vielen Pädagogen bereits aufgegebenen Hauptschule. Interessiert das? Viele Politiker, vor allem aus dem konservativen Lager, scheinen davor gerne die Augen zu verschließen. Doch ist das so verwunderlich? Schließlich stammen die meisten von ihnen selbst eher aus gehobenen Schichten und würden es wohl nicht so gerne sehen, wenn ihr Kind mit Ali, Mustafa und Igor aus dem Problemviertel der Stadt in der Gymnasialklasse sitzt. Die Ergebnisse des Bürgerentscheids aus Hamburg zeigen, dass Politiker, aber eben leider auch viele Eltern aus gehobenen Schichten, ihre Kinder gerne von denen „da unten“ abgrenzen wollen: Der Bäcker soll doch bitte schön bei seinen Brötchen bleiben. So bekommt der Spruch „jedem das Seine“ einen bitteren Beigeschmack, den auch spätere Förderungsprogramme über den zweiten Bildungsweg nur schlecht überdecken können.

Das dreigliedrige Schulsystem raubt jedes Jahr vielen Kindern aus bildungs- und einkommensschwachen Schichten die angemessene Perspektive, die ihren eigentlichen Fähigkeiten entsprechen würde. Denn unser Schulsystem sortiert Schüler nach Herkunft aus und nicht nach Talent. Wenn also der bayerische Kultusminister im Tagesschau-Interview polternd beteuert, der Freistaat würde in jedem Fall am „differenzierten“ Schulsystem festhalten, dann ist das weniger ein Bekenntnis zu einer Institution, die sich bewährt hat, sondern ein erschreckendes Zeugnis dafür, wie wenig differenziert sich manche Bildungspolitiker mit dem Thema auseinander gesetzt haben.

Bildquelle: flickr

 

2 Kommentare ...
  1. In Ba-Wü wird die Schulempfehlung am Ende der 4. Klasse zum Glück abgeschafft – macht nur Ärger und bringt eh nichts. Außerdem wird sie von manchen Lehrern bestimmt auch aus Sympathie vergeben.

  2. Nicht zu letzt hat die PISA-Studie belegt, dass in Bayern die soziale Herkunft stärker über den Bildungserfolg als in anderen Bundesländern entscheidet. Kinder mit Migrationshintergrund landen bzw. bleiben in Bayern automatisch in der Hauptschule oder neuerdings in der Mittelschule, die nichts anderes als die alte Hauptschule in neuem Gewand ist.