Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Titanic vs. Papst

Unter den allgemein gebräuchlichen Begriff „Presse“ fällt die Gesamtheit der öffentlichen Massenmedien. Dieser Begriff sollte etwas differenzierter angewendet werden, wenn es, wie in diesem Fall, um nichts geringeres als die Würde des Menschen geht. Denn Presse ist ganz offenkundig nicht gleich Presse.

Zahlreiche Genres haben sich herausgebildet, deren einziger gemeinsamer Nenner ist, dass sie etwas drucken, senden, oder auf eine andere Art veröffentlichen. In enger Verbindung zur Presse steht der Begriff der Information. Oft ist vom „Informationsauftrag“ der Presse die Rede. Das bedeutet, dass relevante Informationen verbreitet werden, die gleichzeitig der Wahrheit entsprechen. Dem ist bedauerlicherweise nicht immer so.

Tatsächlich werden jeden Tag bekannte und vor allem weniger bekannte Menschen von der Presse diffamiert und bloßgestellt. Die wenigsten haben die Kraft und vor allem das Geld, sich gegen die Springerpresse, Fox-News, The Sun und andere zu Wehr zu setzen. Fast alle etablierten, “ernstzunehmenden” Medien, oder solche, die sich dafür ausgeben, drucken oder senden von Lobbyisten diktierte Beiträge, die nicht als Anzeige gekennzeichnet sind, und deren Intention und Finanzierung systematisch verschleiert wird. Jeden Tag werden Halbwahrheiten und handfeste Lügen verbreitet und als objektive Berichterstattung verkauft, die angeblich dem Informationsauftrag der “vierten Gewalt” Rechnung tragen. Wenn aber ein sich fast ausschließlich über den Verkauf finanzierendes, und somit von fremden Geldgebern nahezu unabhängiges Satiremagazin als solchen gekennzeichneten Blödsinn ohne Nachrichtenwert über eine bekannte Persönlichkeit wie den Papst verbreitet, wird geklagt und über eine angebliche Verletzung der Menschenwürde diskutiert. Das ist bedenklich.

Es erscheint weltfremd, sich als über die Maßen privilegierter Mensch von offensichtlichem Klamauk in seiner Würde verletzt zu fühlen, wenn die als Wahrheit verkleidete und marktschreierisch verbreitete Unwahrheit ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens ist. Nicht, dass bekannte Persönlichkeiten kein Recht dazu hätten, sich gegen falsche Behauptungen zu wehren. Ganz im Gegenteil. Aber in diesem Fall wird keine Behauptung aufgestellt und auch kein Eindruck über die reale Person Joseph Ratzinger erweckt. Deshalb ist die Diskussion über die Menschenwürde hinfällig.

Ein strenger Satirebegriff, den viele Journalisten zu Gunsten Ratzingers bemühten, spielt hierbei keine Rolle. Es wird der Einwand geäußert, dass Satire den Auftrag habe, gesellschaftliche Missstände in überspitzter Form darzustellen, es aber in der Causa Ratzinger gar nicht um irgendwelche gesellschaftlichen Missstände gehe, sondern lediglich die Person Ratzinger mehr oder minder grundlos mit einem niveaulosen Titelbild bloßgestellt worden sei. Das habe nichts mit Satire zu tun. Ein solcher Einwand läuft angesichts der Frage nach der Menschenwürde ins Leere. Selbst wenn man diesen althergebrachten Satirebegriff teilt und das Bild für einen visualisierten Kalauer hält, ist doch zu fragen, wie eine Person des öffentlichen Lebens durch etwas, was ganz offensichtlich keinen Realitätsbezug hat, in ihrer Menschenwürde verletzt werden kann. Wird etwas über die Person Ratzingers behauptet oder ruchbar gemacht, indem sie so auf dem Titelbild abgebildet wird?

Die Titanic ist ein von Grund auf unseriöses Medium, das im Gegensatz zur seriösen Presse nicht den Auftrag hat, der Öffentlichkeit irgendwelche Informationen zur Verfügung zu stellen. Sie ist eben, im Widerspruch zu Martin Sonneborns mehrfach getätigter ironischer Behauptung, gerade kein „Faktenmagazin“, obgleich sie sich natürlich auf Fakten bezieht. Die Informationen über Sachverhalte oder Personen sind, auch wenn sie teilweise stimmen mögen, in ihrer Gesamtheit niemals wahr. Denn ein Satiremagazin wird die Titanic durch das Hinzudichten und das Einbinden des Tatsächlichen in das Absurde. Mit Sicherheit liest kein Mensch die Titanic, um über die Realität informiert zu werden.

Vor einigen Jahren klagte der minder begabte Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre gegen die Titanic, weil diese ein Werbeplakat für eine Lesung verfremdet abgedruckt hatte. In der Klageschrift stand folgendes:

“Es wird der Eindruck erweckt, der Antragsteller sei hingerichtet worden und könne keine Lesungen mehr abhalten.”

Der Anwalt behauptete also, die Titanic erwecke einen falschen Eindruck über seinen Mandanten, obwohl jedem Titanic-Leser bewusst war, dass sich dieser erweckte Eindruck nicht auf die Realität bezog. Es wäre vollkommen widersinnig anzunehmen, dass irgendjemand aufgrund dieses Eindrucks Rückschlüsse auf die Realität gezogen hat. Auf was also bezieht sich dann dieser Vorwurf?

In der Klageschrift zur Causa Ratzinger, die letztlich zu der einstweiligen Verfügung geführt hat, wird damit argumentiert, dass die Persönlichkeitsrechte des Papstes verletzt worden wären. Das rekurriert direkt auf den ersten Paragraphen des Grundgesetzes. Somit wurde nach Meinung des Landgerichts Hamburg mit der Veröffentlichung des Titelbildes die Würde des Menschen Ratzinger verletzt. Ich frage mich ernsthaft, wie etwas so Ernstes und Schützenswertes wie die Würde des Menschen durch etwas verletzt werden könnte, was qua Selbstverständnis und für jedermann ersichtlich keinerlei Anspruch auf Seriosität hat. Könnte man nach dieser Logik nicht auch jemanden des versuchten Mordes bezichtigen, weil er eine Person mit einer Wasserpistole attackiert hat? Und ist nicht gerade eine gewisse Plumpheit, die der Zielperson der Satire unangemessen ist, Garant dafür, dass ihre Würde eben nicht verletzt wird?

Eine Person des öffentlichen Lebens sollte damit rechnen, dass man sich über sie lustig macht, und sie sollte damit leben können. Dass das ihr und ihren Anhängern in aller Regel nicht gefallen wird, versteht sich von selbst. Dieses Missfallen ist aber nicht Ausdruck einer Verletzung der Menschenwürde, sondern allenfalls Ausdruck verletzter Eitelkeit. Diese ist aber nicht schützenswert.

2 Kommentare ...
  1. Ein schöner Beitrag! Wie schrieb doch Tucholsky: “Was darf die Satire? Alles.” (Ein lesenswerter kurzer Essay übrigens: http://www.tucholsky-gesellschaft.de/index.htm?T/Texte/satire.htm)
    Im Prinzip finde ich, dass die Papstkarrikaturen durchaus auf gesellschaftliche Misstände hinweisen – immmerhin geht es bei Vatileaks ja um das monarchistisch-geschlossene, intransparente System der Kirche, um die Wiederaufnahme von Holocaustleugnern, um Kräfte in der Kirche, die die unethischen Praktiken der vatikaneigenen Hausbank aufrechterhalten wollen, usw. Und um einen sehr alten Papst.

  2. Die Titanic hat die Fußball-WM nach Deutschland geholt und den Papst vom Stuhl. Amen. :)