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Wolfgang Schäuble

Peer auf dem Weg zum Gipfel

Peer Steinbrück gehört zu den beliebtesten Politikern Deutschlands, beim ZDF-Politbarometer liegt er schon seit geraumer Zeit klar in Führung. Gerade in Zeiten des Schlingerkurses der Schwarz-Gelben Koalition bedient er die Sehnsucht nach einen Politikertyp, auf den auch in stürmischen Zeiten Verlass ist. Die Berichterstattung über ihn behandelt schon seit Wochen nur mehr die Frage, ob er der Kanzlerkanditdat der SPD werden wird. Mal bringt er sich selbst ins Spiel, mal werden Gerüchte laut, es gäbe Geheimtreffen mit dem SPD-Vorstand, um ihm die Kandidatur nahezulegen. Die Süddeutsche Zeitung fühlte sich denn auch bemüßigt, durch Oliver Das Gupta einen nur schlecht kaschierten Lobartikel für diesen Mann der kommenden Stunde schreiben zu lassen. Da ist einer “der eher einen Anti-Parteien-Mensch verkörpert, der vertrauenswürdig, pragmatisch und mutig ist, der ‘Klartext’ redet.” Es wird berichtet, wie Steinbrück sich von Helmut Schmidt beim gemeinsamen Tabakkonsum inspirieren lässt. Und auch “[d]ass ihm die SPD nicht egal ist, hat Steinbrück immer wieder gezeigt.” Denn “[d]er Mann verortet sich richtig in der Partei.” Kurz gesagt “Peer Steinbrück ist längst in Gang gekommen.”. Das hätte die BILD auch nicht schöner formulieren können – der Spiegel einen Tag später allerdings schon: “Gelächter, Gejohle, Applaus.” gibt es da für den Gastprofessor Steinbrück. “Seine Fans, […] [sind] die Elite der alten Bundesrepublik, die goldene Generation.”. Er “ist ein Mann ohne Korsett, er ist niemandem verpflichtet außer sich selbst.”. Um Peer Steinbrück als Kandidaten für das Kanzleramt führt da wohl kein Weg mehr vorbei.

Vergangene Woche nahmen seine Karriereaussichten allerdings eine Wende, die kaum ein Beobachter für möglich gehalten hätte. Peer Steinbrück nahm an einem tatsächlichen Geheimtreffen teil: der diesjährigen Bilderberg-Konferenz in St. Moritz. Bei diesem intimsten aller Weltpolitik-Foren trifft sich die internationale Machtelite, die Teilnahme erfolgt nur auf Einladung. Nun ist das Treffen an sich seit einigen Jahren nicht mehr geheim, seine Inhalte aber bleiben weiterhin im Verborgenen. Auch das Erscheinen auf der offiziellen Teilnehmerliste ist freiwillig. Diese ließt sich wie das Who-is-who der Macht und des Geldes, da können endlich mal Josef Ackermann und Peter D. Sutherland (Goldman Sachs) mit Jeff Bezos (Amazon.com) und Eric Schmidt (Google) über die Zukunft von Geld und Internet parlieren. Fu Ying (Außenministerin Chinas) kommt endlich mal zu einer angeregten Diskussion mit Königin Beatrix der Niederlande. Sogar George Papaconstantinou, der griechische Finanzminister, ist unter den Gästen. Adel, Geld und Politik kommen hier seit 1954 – traditionell unter vollständigem Ausschluss der Öffentlichkeit – zusammen.

Die Berichterstattung erfolgt bestenfalls indirekt. Auch wenn Mathias Nass (Chef-Auslandskorrespondent der Zeit), Oscar Bronner (Herausgeber des Standard) und John Micklethwait (Chefredakteur des Economist) anwesend waren, kann man in ihren jeweiligen Zeitungen nichts Erhellendes über das Treffen erfahren. Tatsächlich gäbe es aber wohl einiges zu berichten, wurden doch auf früheren Konferenzen angeblich diverse kleinere Projekte angeregt, wie z.B. die Gründung der Trilateralen Kommision, die EWG und die Einführung des EURO. Es gibt mehr Gerüchte als belegbare Wahrheiten über die Inhalte dieser jährlichen Treffen, aber allein die exquisite Teilnehmerliste und die konsequente Geheimhaltung sorgen für ein gesundes Maß an Misstrauen. Hier werden sicherlich nicht die Geschicke der Welt gelenkt, aber einen erheblichen Einfluss auf die Agenda und die Zukunftspläne der Teilnehmer dürfte das Ganze auf jeden Fall entfalten.

In diesem exklusiven Umfeld tummelt sich nun plötzlich Peer Steinbrück, ein einfacher Bundestagsabgeordneter und ehemaliger Finanzminister. Die Veranstalter glauben also an sein Potential, denn aktuell spielt er eigentlich keine nennenswerte politische Rolle. Es wäre schön, wenn ihm ein Reporter ein paar Fragen zu seiner Teilnahme an der Konferenz stellen könnte; und sei es nur, um zu sehen, wie er sich mit ausweichenden Antworten quält. Mit den traditionellen Werten der SPD lässt sich seine kleine Reise zum Stelldichein der Reichen und Mächtigen sicherlich nur schwer in Einklang bringen. In den oben erwähnten, eine Woche nach der Konferenz veröffentlichten Artikeln wurde seine Teilnahme an Bilderberg 2011 übrigens mit keinem Wort erwähnt.

Wenn es in einigen Monaten wirklich heißt, Peer Steinbrück kandidiert gegen Angela Merkel, dürfte ein wohliger Schauer über Verschwörungstheoretiker in ganz Deutschland fahren. Würde er wirklich Kanzler, darf sogar so manchem nüchternen Beobachter ein wenig mulmig werden.

4 Kommentare ...
  1. Wieso war denn da der griechische Finanzminister dabei? der hat doch eigentlich weder mit Macht noch mit Geld zu tun.

  2. Hübsch, wie man, ohne sich selbst als Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen, eben jene Theorien zu befeuern vermag. Wie man nun zu Steinbrück steht, ist einem ja selbst überlassen, ob er zu hoch gelobt wird, oder ob er wirklich was kann, das mag jeder für sich entscheiden, vielleicht stellt es sich sogar eines Tages heraus. Substantielle Kritik aber sieht anders aus, da hätte man zumindest die eine oder andere Position des Herrn Steinbrück erwähnen und begutachten müssen. So ist es ein Artikel, der Politik (ganz nach Art der Verschwörungstheorien) zu einer Veranstaltung weniger Mächtiger reduziert, ohne zu beachten, daß da herzlich viele Kräfte wirken, bis Politk tatsächlich stattfindet. Ein Artikel, der es raunen lässt, beim Bilderberg-Treffen würde über alles und alle entschieden, weshalb es verwerflich sei, vor allem für einen Sozialdemokraten, vor allem für Steinbrück, sich dort blicken zu lassen. Schließlich könnte er da im Sinne und für die Zwecke des elitären Zirkels geformt werden, was ihn dann, wenn er erst Kanzler ist…
    Aber mal im Ernst: Es ist höchst zweifelhaft, daß solche elitären Zirkel tatsächlich soviel Macht besitzen (denn Politik wird auch immer über gesellschaftliche Strömungen, über Traditionen, über längst gültige Verträge und Bündnisse etc pp geformt). Und also ist objektiv nur zu sagen: Steinbrück war bei einem Treffen interessanter Menschen zum freien Meinungsaustausch geladen – und, wie verblüffend, er ging hin. Tät ich auch, wenn ich geladen würde, allein wegen der sicher nicht gerade schlechten Bewirtung… Ja, doch, das hätte in der Tat die Titelseiten beherrschen müssen.

  3. leider speist sich dein artikel aus der überzeugung, dass sozis keine wirtschaft machen können. ob man solche treffen für gut oder schlecht hält steht auf einem anderen blatt, steinbrücks teilnahme daran ist aber aus einem aspekt heraus zu erklären: jeder wirtschaftsboss, jeder politiker im ausland und jeder politiker im inland weiß, dass steinbrück alleine den deutschen staat vor der handlungsunfähigkeit gerettet hat. und das hat er sehr viel sozialer gestaltet, als viele für möglich bzw. nötig gehalten haben. so einen mann will niemand im politikbetrieb missen.

  4. Die Wirtschaftskompetenz von Steinbrück zweifle ich an keiner Stelle an. Ich finde allerdings Geheimtreffen wie Bilderberg dem demokratischen Entscheidungsfindungsprozess eher abträglich und bin auch nicht gerade glücklich darüber, wie Steinbrück von den Medien zur Zeit hofiert wird.