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Wolfgang Schäuble

Melting Pot Fußball

U17

Das Tor hütet Odisseas Vlachodimos, in der Abwehr spielen unter anderem Koray Kacinoglu und Noah Korczowski, im Mittelfeld Robin Yalcin, Emre Can, Leven Aycicek und Rani Khedira und im Sturm Samed Yesil. Auch wenn man es den Namen nicht gleich anmerkt, es handelt sich hier um deutsche U17-Nationalspieler, die eine sehr erfolgreiche WM in Mexiko absolviert haben.

Das vermehrte Auftreten von Spielern mit Migrationshintergrund in dieser U17-Nationalmannschaft hat in Deutschland so manche Debatte angestoßen. Kritiker dieser Entwicklung sagen, es handle sich hier eigentlich gar nicht mehr um eine deutsche Mannschaft: der Spielstil sei ein anderer als früher und die sogenannten deutschen Tugenden – Einsatz, Kampfgeist, Willenskraft - kämen zu kurz. Jedoch sind alle Spieler in Deutschland geboren oder zumindest dort aufgewachsen. Und sie sprechen mit Sicherheit nicht schlechter deutsch, als der durchschnittliche deutsche Profifußballer.  Dabei ist der Spielstil frischer, lebendiger geworden. Er hat eine gewisse südländische Leichtigkeit gewonnen, der Kampfgeist geht aber dadurch keineswegs verloren. Tatsächlich gab es wohl noch nie eine deutsche Nationalmannschaft, die technisch dermaßen versiert war, wie die derzeitige, wozu der türkischstämmige Özil und der bosnisch/serbischstämmige Marin einiges beitragen. Zum Kampfgeist und Einsatzwillen früherer Tage hat sich eine Art Straßenfußballermentalität gesellt, die bisher Mannschaften wie Brasilien ausgezeichnet hat.

Die Kritiker weisen des Weiteren auf die Gefahr hin, dass sich Spieler mit Migrationshintergrund auch trotz Einsätzen in deutschen Jugendauswahlen noch für die Nationalmannschaft des Herkunftslandes ihrer Eltern entscheiden können. Ja ja, undankbares Pack, diese Migranten! Lassen sich hier jahrelang teuer ausbilden, um dann für eine andere Nationalmannschaft aufzulaufen. Tatsächlich gibt es bisher nur einen Spieler, der die deutschen Jugendnationalmannschaften durchlaufen und sich dann trotz Perspektive im DFB-Team für ein anderes Land entschieden hat: Mehmet Ekici. Sein Verlust mag bedauerlich sein, wirklich ins Gewicht fällt er nicht.

Schließlich drücken die Kritiker noch ihr Sorge darüber aus, dass die Spieler mit Migrationshintergrund die Nationalhymne nicht mitsingen können. In einem Land, in dem Pop-Stars beim Singen der Nationalhymne dazu auffordern, im Lichte zu brühen, sollte man sich über andächtiges Schweigen der Spieler eher freuen.

Auch in der französischen Nationalmannschaft sind Spieler mit Migrationshintergrund – besonders afrikanischer Herkunft – zahlreich vertreten. Keine Nationalmannschaft singt ihre Hymne lauter als die französische, was weniger an der größeren Musikalität der Spieler als an der patriotischeren Mentalität des Landes festzumachen ist.  Und obwohl das mit der Hymne funktioniert, hat der französische Fußballverband FFF versucht, sein “Migrantenproblem” zu lösen. Es wurden Pläne zur Einführung einer maximalen Migrantenquote in den Jugendabteilungen der Vereine publik. Ein Aufschrei ging durchs ganze Land, der letztendlich zur Verwerfung der Pläne führte. Der technische Direktor des Verbandes, François Blaquart, musste seinen Posten räumen, die geforderte Entlassung von Nationaltrainer Laurent Blanc, der angeblich auch an den Plänen beteiligt gewesen sein soll, blieb jedoch aus. Allen voran echauffierte sich Lilian Thuram, seines Zeichens Rekordnationalspieler Frankreichs und Weltmeister 1998 an der Seite Blancs. Thuram sitzt im Integrationsrat der französischen Regierung und setzt sich mit vielen Projekten gegen Rassismus ein, wofür er bereits ausgezeichnet wurde. Er stammt selbst aus Guadeloupe und hat in seiner aktiven Zeit bei der Hymne immer am lautesten mitgesungen.

Bei der WM 2010 in Südafrika konnte man sehen, wie erfrischend offensiv die deutsche Mannschaft spielte, wobei immerhin die Hälfte der Feldspieler in der Stammformation über einen Migrationshintergrund verfügte. Denkt man diese Entwicklung noch weiter, könnte die Mannschaft bald tatsächlich über Jahre hinweg nicht mehr zu schlagen sein, im Gegensatz zur französischen Nationalmannschaft, die sich genauso zerfleischt präsentierte wie der FFF.

1 Kommentar ...
  1. Wenn man sich daran erinnert, wie auch andere WM-Favoriten scheiterten und wie unfassbar öde die Spanier gespielt haben, liegt der Gedanke nahe, dass man die Vielfalt braucht, um zeitgemäßen und ansehnlichen Fußball zu spielen. Ich habe ohnehin noch nie verstanden, was das Problem von Migranten in der Nationalmannschaft sein soll.