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Kolonialpraxis in neuem Gewand? Das African Village in Augsburg

Befürchtet wurde bei dem African Village eine Anlehnung an die Völkerschauen, die um 1900 in Europa ihre Blütezeit hatten. Dabei wurden Menschen aus den verschiedenen Erdteilen im wahrsten Sinne des Wortes „zur Schau gestellt“. In nachgebauten Schaudörfern sollten Menschen aus Übersee in der Regel gegen Bezahlung oder für freie Kost und Logis ‘Wilde’ oder ‘Halbwilde’ spielen. Dabei wurden verschiedene Klischees à la Karl May bedient: Es war zweitrangig, ob die dargestellten Menschen und Szenerien real existierten oder nicht. Wichtig war, dass man die Vorstellungen und Bedürfnisse des Publikums nach Exotik befriedigte. Das wiederum führte zu einer Verfestigung stereotypischer Vorstellungen in den Köpfen der Zuschauer.

Diese menschenverachtende Tradition der Völkerschauen fortzuführen, war der Hauptkritikpunkt am African Village in Augsburg. Trotz des großen Aufschreis im Vorfeld, verschwand das Thema allerdings schnell wieder aus der Presse, nachdem der Augsburger Zoo das African Village eröffnet hatte – vor allem deswegen, weil schnell klar wurde, dass es sich nicht um eine Völkerschau im klassischen Sinne handelte. Denn es wurden keine Menschen aus afrikanischen Ländern ausgestellt.

Es fand sich aber dennoch eine Gruppe von Demonstranten am Eröffnungstag ein, die mit durchaus sinnvollen Argumenten Kritik an der Veranstaltung übte. So lauteten die Beschriftungen zweier Plakate: „Nein zur modernen Völkerschau – Neokolonialer Blick statt Völkerverständigung“ und „Widerstand. Gedächtnis braucht Raum, Neokolonialismus braucht Zoo. Ein Dorf stellvertretend für einen Kontinent“. Eine zentrale Befürchtung der Demonstranten war zudem eine Vertiefung von existenten „afrikanischen Klischees“. Diese Argumente kann man nicht ignorieren. Deutschland hatte in seiner Vergangenheit Kolonien in Übersee und war an zahllosen Verbrechen dieser Zeit beteiligt und oft genug alleiniger Akteur.

Das African Village war zwar keine Völkerschau wies aber sehr wohl verschiedene Parallelen zu den Schauen auf. So fanden diese neben anderen Orten auch in Zoos statt. Berühmt geworden ist in diesem Zusammenhang Carl Hagenbeck, der Gründer des Tierpark Hagenbeck in Hamburg. Auch er richtete in seinem Zoo Völkerschauen aus. Eine weitere Parallele findet sich im Namen des Festivals selbst. Der Begriff „Village“ weist offensichtlich auf ein Dorf hin – die Völkerschauen fanden häufig in nachgebauten Dörfern statt. Außerdem bediente man sich bei der Werbung für das Village Motiven der Exotik, ähnlich wie bei den Völkerschauen. Barbara Jantschke, die Zoodirektorin, äußerte sich dazu direkt. Sie sagte: „ […] ich denke, dass der Augsburger Zoo genau der richtige Ort ist, um auch die Atmosphäre von Exotik zu vermitteln.“

Abgesehen von diesen Parallelen riefen auch andere Aspekte berechtigte Kritik am Village hervor. Die Befürchtung der Demonstranten, Klischees könnten vertieft werden, erhärtete sich. Ein Bericht des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung über das Village bestätigt genau diese Angst. Bei der Befragung von Besuchern war die Mehrzahl der Meinung, dass ein afrikanisches Dorf gut zu einem Zoo passen würde, außerdem würden sie Afrika mit Tieren oder Natur verbinden.
Es ist streitbar, wie problematisch derartige Veranstaltungen an sich sind. Schließlich ist es immer zweifelhaft, inwiefern ‘fremde Kulturen’ im Rahmen eines Festivals wiedergegeben werden können. Völlig inakzeptabel ist es jedoch, eine derartige Veranstaltung in einem Zoo stattfinden zu lassen. Diese Ignoranz gegenüber den historischen Völkerschauen ist mehr als bedauerlich.

Auch wenn das African Village keine Völkerschau war, machte die Rezeption in der Presse doch deutlich, wie schwer es ist, über die deutsche koloniale Vergangenheit in der Öffentlichkeit zu debattieren. Schließlich wurde letzten Endes allein die Möglichkeit, dass das Village eine Art Völkerschau sei, von der Hand gewiesen. Auch eine Auseinandersetzung mit den durchaus sinnvollen Kritikpunkten, die von verschiedener Seite hervorgebracht wurden, fand nicht statt. Eine weitere verpasste Chance also, das in der Vergangenheit existente und sehr wohl relevante deutsche Kolonialreich zu thematisieren.

[Bildquelle: Wikimedia Commons, Aldebarante]

 

1 Kommentar ...
  1. Spannend, spannend der Artikel! Vielen Dank!