Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Ist das Kunst oder kann das weg?

Es ist schon faszinierend, wie eine sonst so unspektakuläre Stadt wie Kassel alle fünf Jahre aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht. Mal abgesehen davon, dass Dornröschen im Schlaf wohl besser ausgesehen hat als Kassel, dessen Wiederaufbaukonzept nach dem zweiten Weltkrieg dem Auto einen viel zu prominenten Platz eingeräumt hat. Ohne die Kunstausstellung dOCUMENTA wirkt die Kasseler Innenstadt wie eine triste Bleiwüste, die kaum zum Verweilen einlädt. Damit ist nun für hundert Tage Schluss: Bis zum 16. September wird in Kassel zeitgenössische Kunst von rund 300 Teilnehmern präsentiert.

Viel Tinte ist bereits geflossen zum Thema dOCUMENTA 13: nach Bekanntgabe der Kuratorin, nach der offiziellen Pressebesichtigung und zum Auftakt am 9. Juni. Überraschend positiv fielen die Kritiken in den deutschen Feuilletons aus – ein Echo, das man so nicht erwartet hatte. Immerhin hatte die Kuratorin Carolyn Christov-Barkargiev im Vorfeld durch schwammige und manchmal auch esoterisch anmutenden Aussagen zum Thema dOCUMENTA eher für Verwirrung als Klarheit gesorgt.

Wer nun selbst zur diesjährigen dOCUMENTA reist, muss vor allem eins mitbringen: Zeit. Nie war die Ausstellungsfläche so riesig. Neben klassischen Schauplätzen wie das Fridericianum und die neue Galerie hat CCB (wie Christov-Barkargiev in Kassel gerne genannt wird) auch große Teile der weitläufigen Parkanlagen, der Karlsaue, mit Kunstwerken bestückt, was nicht unproblematisch ist – aber dazu später.

„Ich habe kein Konzept“, hatte CCB bereits in der Vorbereitungsphase der Ausstellung betont. So etwas wie ein Leitgedanke ist dann doch noch herbeigezaubert worden: „Zusammenbruch und Aufbau“. Beim Gang durch die Ausstellungsräume erschließt sich dieser Ansatz jedoch nicht immer: Wandteppiche aus Skandinavien, übermalte Bilder aus Asien – es fällt schwer, den roten Faden zu finden, der diese Arbeiten verbinden soll. Eine Ausnahme sind lediglich die Werke von Künstlern aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum, die in ihren Werken die sozialen Umbrüche in ihren Heimatländern verarbeiten. Hier ist der Bezug zum Ausstellungsmotto leicht herzustellen.

Und das ist bereits ein Problem der dOCUMENTA 13: Sie lässt den Besucher oft alleine. Kunst braucht immer auch einen intellektuellen Zugang, wenn sie mehr sein will als einfach nur „schön“. Gerade in der zeitgenössischen Kunst bergen Objekte oftmals ein eng gewobenes System an Verweisen, die Bezüge zu anderen Kunstwerken oder Künstlern herstellen. Diese „Codes“ zu knacken vermag nur derjenige, der das dafür notwendige Wissen besitzt – oder es eben geliefert bekommt. Wer jedoch auf der dOCUMENTA nach Erklärungen sucht, der findet sie nur selten. Erläuterungen zu Künstler und Kunstobjekt fehlen bei den meisten Ausstellungsstücken. Auch die Texte im Ausstellungskatalog sind eher kryptisch als hilfreich. Daher erstaunt auch der folgende Satz der Kuratorin wenig: „Konfusion ist etwas wunderbares.“

Man mag dem entgegenhalten, dass Kunst keiner „oberlehrerhaften“ Erklärung bedarf, im Gegenteil sich jedem einzelnen durch Reflexion und einem persönlichen Zugang erschließen muss. Das kann stimmen – dumm nur, wenn keiner der eigenen Schlüssel passt. Manchmal stört das nicht, etwa wenn die indische Künstlerin Nalini Malani ihre Sound- und Videoinstallation zusätzlich mit überdimensionalen, rotierenden Schattenspielen bereichert. Oder Geoffrey Farmer tausende Bilder aus dem amerikanischen LIFE Magazin zu einer meterlangen Kollage zusammenstellt. Der Zugang zu dem Werk erschließt sich dann weniger über Reflexion, als über primäre Sinneseindrücke, wie Sehen, Hören, Fühlen. Doch manche Kunstwerke auf der dOCUMENTA sind selbst für diesen Zugang zu hermetisch: Wenn etwa in einem leeren Raum der Künstler Ryan Gander Wind ausstellt, den man natürlich weder sehen, aber eben in diesem speziellen Raum auch nicht wirklich fühlen kann.

Dazu kommt, dass sich CCB einem (neuen) ganzheitlichen Kunstbegriff verschrieben hat. Die Idee, dass alles Kunst ist, ist so neu nun nicht – dass auf einer internationalen Kunstausstellung auch Biologen, Sozialwissenschaftler und Physiker zugegen sind, wohl eher schon. Die Idee kann bestechend sein, nur verhält es sich mit den Versuchsaufbauten, die beispielsweise der Quantenphysiker Anton Zeilinger in Kassel aufbauen durfte, ähnlich wie mit Ryan Ganders Windkunst: man sieht nicht wirklich etwas. Ein bisschen Draht, Messgeräte, einen Bildschirm. Was in den Glaskästen eigentlich passiert, das bleibt unverständlich.

Vielleicht lohnt sich ja der Gang ins Freie, ohnehin die Besonderheit der dOCUMENTA 13. Über fünfzig Kunstwerke weist der Ausstellungskatalog in den Weiten des Schlossparks Karlsaue aus. Eine Ausstellung auch für die Kasseler wollte CCB konzipieren. Und wirklich, der Gedanke ist durchaus sehr nett: Kasseler, die durch ihren Stadtpark joggen, radeln oder Spazieren gehen und von Zeit zu Zeit auf ein verstecktes Kunstwerk stoßen. Zudem lässt sich diese Ausstellungsform auch als eine Anspielung auf die Geschichte dieser Ausstellung lesen: Immerhin entstand sie vor 55 Jahren gewissermaßen als Begleitprogramm für die Bundesgartenschau.

Es ist schade, dass Christov-Barkargiev ihren „zurück zur Natur“-Ansatz nur halbherzig verfolgt hat. Nur wenige Kunstwerke stehen wirklich in der Natur, die meisten befinden sich in kleinen Hütten, die an Schrebergartenhäuschen erinnern. Da diese nachhaltig gebaut wurden und das ja so wunderbar ist, durften die entsprechenden Baufirmen auch ihr Logo an die Häuschen kleben. Kunst oder Immobilienschau – der Grad ist manchmal schmaler, als man glaubt. Dabei hat die dOCUMENTA ihre wirklich starken Momente eben in der Karlsaue: Etwa, wenn  der Amerikaner Sam Durant aus Holzgalgen eine riesige Skulptur zusammenbaut, die an ein Kinderklettergerüst erinnert – und dabei exakt so viele Galgen verwendet, wie in der Geschichte seines Heimatlandes Menschen durch diese Art sterben mussten. Oder wenn das kanadische Künstlerduo Janet Cardiff und George Bures Miller auf einer kleinen Lichtung eine Soundinstallation anbringt, die die Grenze zwischen künstlichen Geräuschen und Wirklichkeit perfekt verschwimmen lässt.

Was sich bei der dOCUMENTA 13 also wirklich lohnt, ist ein gemächlicher Spaziergang durch die bezaubernde Karlsaue – auf der einem vielleicht sogar der Hund mit rosa Bein von Pierre Huyghes über den Weg läuft. Der sollte einen wohl auch nicht beißen – schließlich ist er ja Kunst.

[Bildquelle: privat]

Noch keine Kommentare ...