Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Hamstern an der falschen Stelle – Studiengebühren an der LMU

Dieses Semester sehe ich mich erstmals dazu genötigt, auf dem Weg von der U-Bahn zur Uni Flyer anzunehmen. Bisher konnten diese Party- und Gratis-Yoga-Stunden-Flyer wohl vor allem an zweierlei Studenten verteilt werden: an solche, die im Moment des aufdringlichen Entgegenstreckens zu perplex oder zu höflich waren, um die Arme teilnahmslos hängen zu lassen, und an solche, die aus dem robusten Papier Filter drehen wollten.

Jetzt ist das anders. Denn man braucht diese Flyer, um in den Vorlesungssälen die schmalen Kerben in den Klapptischen zu stopfen, in denen bis vor wenigen Monaten noch Kunststoffstäbe steckten, die Lehrmaterialien am Herunterrutschen hinderten. Welch ein Bastelspaß! Man fragt sich doch, was mit diesen Dingern passiert ist. Wurden sie geklaut? Eventuell von den gleichen Menschen, die ab und zu mal eine der appetitlichen Klobrillen mitgehen lassen? Es ist ein lange gehegter Traum von mir, einen Studenten mit einer Klobrille unterm Arm auf frischer Tat zu ertappen.

Andere notwendige Dinge sind komischerweise genauso rar: Klobürsten werden eingeweicht statt neu gekauft, es scheint unmöglich, Ventilatoren in winzigen fensterlosen Vorlesungskabuffs aufzustellen, kaum einer der sogenannten Whiteboard-Marker funktioniert. In manchen Studiengängen ist das aber gar nicht so schlimm, in Komparatistik beispielsweise. Denn das Angebot von sage und schreibe fünf Vorlesungen unterbietet alles bisher Dagewesene und macht ein Filzschreiber-Sharing unter den Dozenten möglich. Alarmierend ist außerdem die Tatsache, dass Tutoren und Übungsleiter, die durch Studiengebühren finanziert werden, ihr Gehalt Monate zu spät bekommen.

Wieso zahlen wir also Studiengebühren? Sie sollen zur Verbesserung der Studienbedingungen aufgewendet werden. Es gibt viele Bereiche, in denen Anschaffungen getätigt werden und viele Neuerungen sind auch extrem sinnvoll: Diverse Berater wurden eingestellt, Hörsäle wurden neu ausgestattet, es wurden Techniker, die für die Ausstattung nötig wurden, eingestellt, die Öffnungszeiten der Bibliotheken wurden verlängert, dafür waren wiederum neue Hilfskräfte nötig. Wieso spart man aber ausgerechnet an den absolut grundlegenden Dingen?

Wird vielleicht zu viel Geld in Schwachsinn gesteckt? Es gibt an der LMU wahrhaftig traurige Beispiele von Verschwendung, beispielsweise Student und Arbeitsmarkt. In der Beschreibung zu diesem grandiosen Programm heißt es: „Trainingskurse zur Entwicklung fachübergreifender Schlüsselqualifikationen wie die Fähigkeit zu schriftlicher und mündlicher Kommunikation […]“. Sollte man von Studenten nicht ohnehin erwarten können, dass sie lesen, schreiben und sprechen können? Das Tragische ist, dass die angebotenen Kurse tatsächlich eine Beleidigung für jeden sind, der sich seines Verstandes wenigstens halbwegs bedienen kann. Offensichtliches („Werbung muss auffallen“, so gehört in Öffentlichkeitsarbeit, „Zur Arbeit muss man pünktlich kommen“ aus Projektmanagement) und Triviales („Wir malen einen Toaster“, so geschehen in Redaktion Sachtexte) bestimmen die Abendgestaltung. Eine weitere abenteuerliche Geldausgabe waren, wie man munkelt, die schicken Ledercouchs der Wirtschaftswissenschaftler – auf denen es sich ohne Zweifel sehr angenehm sitzt, die aber genau genommen nicht sonderlich notwendig waren.

Trotz dieser Ausgaben wäre aber immer noch genug Geld für Stifte, Anti-Rutschstäbe oder Klobrillen vorhanden. Die Brisanz des Themas Studiengebühren ist inzwischen zwar ein wenig abgeebbt, es ging aber doch ein letzter Aufschrei durch die Studentenmassen, als BayernLeaks im Dezember letzten Jahres einen Brief des bayrischen Ministers für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Wolfgang Heubisch, veröffentlichte. In diesem Brief forderte der Minister die Hochschulen dazu auf, die Restmittel aus Studiengebühren zeitnah auszugeben. Diese beliefen sich zum 31.12.2009 auf 106 Mio. Euro. Es ist also mehr als genug Geld da. Man könnte sogar argumentieren, dass bei Restmitteln in dieser Höhe die Summe von 500 Euro pro Semester kaum noch gerechtfertigt sein kann – besonders wenn man bedenkt, dass Herr Heubisch sozusagen dazu auffordert, das Geld egal zu welchem Zweck zum Fenster rauszuschmeißen, damit die Kritik an den Gebühren verstummt.

Tatsächlich wäre es bei so viel Unverschämtheit angemessen, wenn man von den Restmitteln unsere Reader vergoldete, oder zumindest frische Klobürsten kaufte.

[Fotoquelle 1: Cfaerber, Wikimedia Commons, Fotoquelle 2: Betterson-Archiv]

20 Kommentare ...
  1. Uneingeschränkte Zustimmung sowohl zum langgehegten Wunsch, Menschen mit unieigenen Klobrillen gewagte Kunstinstallationen im Hgb machen zu sehen, wie auch zum übergeordneteren Thema. Ich hörte mal, es dürften die “Beiträge” nicht für semesterübergreifende Anschaffungen ausgegeben werden – aber bitte was spricht gegen Stifte? Zu billig? Lohnt sich der Verwaltungsaufwand nicht, wie bei 2h-Hilfskraftverträgen geschehen?

  2. ich find ledercouchs für BWLer super!
    außerdem könnte man den staro subventionieren, sodass die pizza nur noch 2 euro kostet!
    nein im ernst: wenn ich das lese, fühle ich mich auch an meinen studienalltag erinnert!

  3. Ich mache auch auf die sehr sinnvolle Anbringung eines Flatscreens im UB-Bereich aufmerksam. Wirklich schön diese Bilder – eignen sich hervorragend zum Einschlafen!

  4. Ich wurde auf die Podiumsdiskussion über die Erhöhung der Studiengebühren an der LMU von 300 auf 500 EURO hingewiesen: Es stellte sich die Frage, warum das nötig sei. Antwort: Wie sähe es denn aus, wenn die LMU als einzige Uni in Bayern nur 300 EURO verlangte? Haha. Prestige-Beiträge. Unglaublich.

  5. das mit den klobürsten ist echt erzkrass! ich würde annehmen, für 106 Mio. bekommt man so 10 Mio. Klobürsten. die würden schon eine zeit reichen, es sei denn, die studenten fangen an, die auch zu klauen.

  6. Bei Ikea kriegst du 106 Mio. Klobürsten dafür. und die sind schön bunt. ich sehe da auch keine Schwierigkeiten…

  7. Vielen Dank, Ginka! Ich lachte mich gerade schlapp und fühlte mich auf tragisch-komische Weise an den Studi-Alltag erinnert. SuA, stirb!

  8. Wie wärs mit dunkelroten in den dunkelroten Kabinen in Schelling 3? sähe sicher super aus.

  9. Teil des Problems ist, dass Studiengebühren streng genommen nur zur ZUSÄTZLICHEN verbesserung der Bedingungen aufgewendet werden dürfen, nicht für die grundsätzlichen Dinge wie Baumaßnahmen. Denn dafür muss nach wie vor der Staat aufkommen. Wenn man beies (also zusätzliches und grundlegendes) nicht sauber trennt, hat man den Effekt, dass ehemals staatlich finanzierte Dinge dann aus Gebühren bezahlt werden. Also Verlagerung der Last ohne objektive Verbesserung. Darauf versuchen die Studenten in den Studienbeitragskomissionen auch zu achten. Das blöde ist, dass der zusätzliche Kram meist einfach Luxus ist (wie z.B. 80 Laptops für die Soziologen der Uni Würzburg für Umfragen in den Fußgängerzonen, die dann in der Ecke liegen). In der Bib ist dann das Dach leck und es strömt auf die alten Bücher. So stehen dann die Studenten da als Blockierer von wirklich sinnvollen Ausgaben. In diesem Spannugsfeld soll man in so einer Komission dann über die sinnvolle Vergabe der Mittel entscheiden.
    Sinnvolle Dinge wie Dächer oder Klobürsten sind eh meist Teil des (dürftigen) grundsätzlichen Unietats.

  10. Naja, Stifte, Klobrillen, Bezahlung von Tutoren, das sind ja keine Baumaßnahmen. Und wenn am Ende so viel Geld übrig ist, dann sollte man sich schon auch mal überlegen, ob die Regeln zur Verteilung so sinnvoll sind.

  11. @Waldo: das erklärt so manches. Nur warum dann die Gebühren nicht gesenkt werden, wenn alles zusätzliche Angeschafft ist, das ist schwer nachvollziehbar.

  12. Um genau diesen Sinnlosigkeits-Druck zu erhöhen. So wars ursprünglich konstruiert. Zuerst hat die Regierung eingewilligt, nur zusätzliche Verbesserungen zu finanzieren, um nicht den ursprünglichen Etat zu ersetzen. Und dann würde der Druck, das viele Geld für was wirklich sinnvolles auszugeben, schon groß genug werden, dass da die Dämme brechen und die grundlegende Hochschulfinanzierung auf die Studierenden umgelegt wird. Baumaßnahmen sind nur das offensichtlichste, jede Art Infrastruktur gehört eigtl. dazu. Außer eben zusätzliche.

  13. Da Klobürsten vom durchschnittsstudenten ohnehin selten verwendet werden, würde ich sagen, dass sie auch unter Zusätzliches fallen. Man könnte auch zusätzliche Stifte kaufen. Oder ist zusätzliches Grundsätzliches zu grundsätzlich?

  14. bin ich froh, dass ich noch in der Schule bin, da gibts auch kein Geld, aber für Klobürsten reichts noch

  15. @quentin: Gibts da mittlerweile Seife auf den Klos? Gabs zu meiner Zeit nie. Und immerhin Seife gibts in der Uni immer.

  16. Danke Ginka für diesen Artikel. Jetzt weiß, wie’s bei euch aussieht.

    Hoffentlich nimmt das Thema Studiengebühren nicht allmählich Züge wie bei der Bundeswehr an. Falls dort der Etat ja nicht aufgebraucht wird, wird er nächstes Jahr gesenkt, was dann zu Freudenfeuer-Ballereien oder sonstwas führt, Hauptsache es bleibt kein Geld über.

    Problematisch wird auch so ein System, insoweit es sich einmal etabliert hat, wieder abzuschaffen.

    Gut, dass ich in BW studiere, dort haben wir’s fürs erste geschafft.

  17. Morgen können wir uns ja dann wieder über die fehlenden anti-rutsch stäbe ärgern. Schade, eigentlich, dass man sich aufs zur uni gehen nicht mehr freuen kann..

  18. @linus, ja zusätzliches Grundsätzliches ist bereits zu grundsätzlich. Prinzipiell zumindest. Um nicht zu fundamental zu sein sehen die Beitragskomissionen das tendenziell nicht so eng. So kommt zu einer grundsätzlich anderen Bewertung der Grundsätzlichkeit von zusätzlichen Grundsätzlichkeiten.

  19. @linus ja, mitlerweile gibt es flüssigseife, da hat die uni den Schulen nichts voraus

  20. Über den SuA-Teil habe ich herzlich gelacht (der Schmerz hat mit den Jahren nachgelassen). Ich werde nie vergessen, wie ich drei Stunden in “Zeitmanagement” vergeudete, um mit so wundervollen Tipps wie “Schreibtisch aufräumen”aufs Berufsleben vorbereitet zu werden…