Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Die Retter der Union

Das Wahldebakel der CDU in Bremen hinterließ in den Redaktionsräumen der FAZ einen solch starken Eindruck, dass man sich dazu veranlasst sah, am Mittwoch und Donnerstag der vergangenen Woche jeweils an der selben Stelle der Titelseite einen Kommentar zu diesem Thema abzudrucken. Vor allem der erste Artikel, geschrieben vom messerscharfen Analysten und bodenständigen Wertkonservativen Georg Paul Hefty, bereitete viel Freude. So benannte Hefty den offensichtlichen Grund für das schlechte Abschneiden der CDU bei der Bürgerschaftswahl in Bremen bzw. in Großstädten im Allgemeinen: “Die CDU und die CSU haben jedoch – im Unterschied  zur materialistisch ausgeprägten SPD und mehr noch zu den Grünen, unter deren Antlitz unterschiedlichste Inhalte Platz finden – einen geistigen, ja religiösen, erklärtermaßen christlichen Anspruch an sich selbst und andere.” Genau dieser christliche Anspruch ist es auch, der die CSU zu einer rigorosen Abschiebungspolitik veranlasst und Leute wie unseren Innenminister antreibt, wenn er nordafrikanischen Flüchtlingen Asyl verweigert, um sie in den nahezu sicheren Tod zu schicken. Wer nämlich glaubt, dass Jesus Christus alle Menschen als gleichwertig ansah, unterliegt nach Interpretation der FAZ und der Unionsparteien einem fundamentalen Irrtum: Ein guter Christ ist, wer sich von Moslems abgrenzt, jahrelang als verlängerter Arm der Atomlobby versucht, die Schöpfung zu bewahren und sie vor Windrädern zu schützen, und sich den Größen aus Industrie und Wirtschaft anbiedert sowie ein Bildungssystem der Klassen- und Rassentrennung unterstützt, um das christliche Credo zu verwirklichen: Die Letzten werden die Letzten bleiben und die Ersten werden immer die Ersten sein. In der Missachtung dieser grundlegenden Normen durch die sexuell, ethnisch und religiös so durchmischte Großstadtklientel liegt also gemäß Heftys so scharfer Analyse das große Problem der C-Parteien: Es ist “die mal galoppierende, mal wieselnde Geringschätzung des einstigen christlich fundierten Wertekonsenses.”

Für diese Werte hat also laut Hefty die nihilistische Stadtbevölkerung nichts mehr übrig. Sie vertraut zum einen der traditionell materialistischen SPD: Man erinnere sich nur an Brandts Motto “Mehr Demokratie wagen”, mit dem auch Frauenrechte und Minderheitenschutz verbunden war. Frauen durften auf einmal ohne Erlaubnis ihrer Ehemänner erwerbstätig sein und damit ihren materialistischen Gelüsten nachgehen, genauso wie BAföG-Empfänger, die bekanntermaßen das ihnen vom ehrlichen Steuerzahler geschenkte Geld besinnungslos verprassen, von nun an eine materialistische Unterstützung erhielten. Zum anderen wären da die opportunistischen Grünen, die sich ja bekanntermaßen einfach der in Großstädten weit verbreiteten Öko-Ideologie angeschlossen haben, ohne jemals aktiv an deren Aufkommen beteiligt gewesen zu sein.

Diese beiden Parteien, von den Kommunisten ganz zu schweigen, bedienen also die Präferenzen der Stadtbevölkerung, die Freiheit “heute auf eine entgrenzte Bindungslosigkeit hin” interpretiert. Überraschenderweise begeht Hefty hier aber einen Fehler in seiner sonst so überragenden Analyse. Denn er weist mit dieser Bemerkung ja darauf hin, dass die Unionsparteien feste Bindungen eingehen und diese auch beibehalten. Doch haben CDU und CSU in der jüngeren Vergangenheit eine Bindung aufgegeben, die mit maximaler Bindungsenergie den Zusammenhalt im Kern der Parteien auf elementarste Weise festigte: Die Liebe zur Atomenergie. Mit dem Ende dieser großen Freundschaft  sollte sich in selbiger Woche noch ein anderer FAZ-Kommentar auf ebenso kritische, fundierte Art und Weise auseinandersetzen. Doch das ist eine andere Geschichte.

8 Kommentare ...
  1. leider wahr: die c-parteien müssten sich schon lang ne neue bedeutung für diesen kleinen buchstaben ausdenken…

  2. ernest steinberg

    bisher haben die grünen (neben der linken) von der spd stimmen abgezogen, jetzt gehen sie an die union, die das nicht gerne hat. zurecht sieht man in den grünen parasiten.

  3. Parteien nehmen einander Stimmen. Das nennt man nicht parasitär, sondern Demokratie.

  4. Aber dass die Union das parasitär findet, ist doch wohl klar.

  5. ernest steinberg

    natürlich haben biologistische begriffe in der politischen arena nichts zu suchen – bestenfalls in ironischer absicht. ist hier wohl misslungen :) – aber der artikel sagt ja eigentlich mehr über die faz aus als über die cdu, die noch gar nicht begriffen hat, in welchem krankheitsstadium sie sich befindet. das mentale stadium der faz ist psychiatrisch schwer einzuordnen.

  6. Die Union sucht nach dem C, die FDP muss liberal sein neu definieren, die Genossen sind auch schon länger in der Krise, von den Kommunisten zu schweigen und seitdem die CSU “die Speerspitze des Atomausstiegs” ist, fehlt den grünen Capitan Planets auch der Mondstein. Ich kann die Grundsatzdiskussionen nicht mehr hören, auch wenn die journalistische Elite so daran festhält. Ganz offensichtlich genügt unser Parteiensystem keinen pluralistischen Ansprüchen. Und trotzdem schreien die wenigsten nach mehr direkter Demokratie.

  7. In Stuttgart haben sie kaum überhörbar nach direkter Demokratie geschrien. Nur möchte das die Union nicht so gerne hören und verweigert (nicht nur in BW) regelmässig ihre notwendigen Stimmen um mehr Bürgerbeteiligung in die jeweiligen Verfassungen zu schreiben.

  8. Stimmt! Aber auch Seehofer lobte in seiner Regierungsansprache im Januar die angewandte direkte Demokratie im Freistaat. Das war sehr lustig von ihm, der kleine Scherzkeks.