Betterson

Alle grundrechtlich geschützten Bereiche enden irgendwo.
Wolfgang Schäuble

Abstellgleis Bayernbank

Mit der Verpflichtung des Torschützenkönigs der 2. Bundesliga, Nils Petersen von Energie Cottbus, hat der FC Bayern ohne Frage vieles richtig gemacht. Für die vergleichsweise niedrige Ablösesumme von 2,8 Mio. € erhält der Verein einen kopfball- und schussstarken, torgefährlichen Strafraumstürmer, der in den Augen der meisten Experten einiges an Talent besitzt. Petersens Problem ist nur, dass der Torschützenkönig der 1. Bundesliga, Mario Gomez, wohl kaum aus der Stammformation zu verdrängen sein wird und sich mit Ivica Olic bereits ein lauffreudiger, spielstarker Ersatz im Kader befindet. Die Vertragsverlängerung von Miroslav Klose, der erfahrener ist als seine Kollegen und, wenn er denn mal wieder in Form kommt, auch besser, ist auch noch nicht vom Tisch und Thomas Müller, der Aufsteiger der Saison 2009/10, gäbe wohl ebenfalls einen hervorragenden Mittelstürmer ab. Kurz: Es ist fraglich, ob Nils Petersen die nötige Spielpraxis erhält, die er für seine weitere Entwicklung dringend benötigt.

Die Liste der beim FC Bayern gescheiterten Talente ist lang. Zu nennen wäre beispielsweise Roque Santa Cruz, der 1999 aus Asunción nach München wechselte. Teilweise immer wiederkehrendes Verletzungspech, teilweise mangelndes Vertrauen durch den jeweiligen Trainer verhinderten, dass er jemals längerfristig Stammspieler wurde. Deshalb kam er als Mittelstürmer in 155 Spielen für den FC Bayern lediglich auf 31 Tore. Die Mittelfeldspieler Ali Karimi, Julio dos Santos und José Ernesto Sosa schafften ebenfalls trotz großartiger Anlagen nie den Durchbruch, da ihnen das Vertrauen verwehrt blieb. Auch deutsche Talente wurden reihenweise verschlissen: Tobias Rauh galt lange als der kommende linke Außenverteidiger der Nationalmannschaft, ehe er beim FC Bayern auf der Bank versauerte, ähnliches gilt für den Rechtsverteidiger Andreas Görlitz. Alexander Baumjohann stellte bei Borussia Mönchengladbach unter Beweis, dass er ein großes Spielmachertalent war, auf der Bayernbank geriet seine Kariere ins stocken und hat sich seitdem auch nicht mehr erholt. Jan Schlaudraff kam als Aachens Überflieger zum FC Bayern, man setzte ihm jedoch kurz nach seiner Ankunft Franck Ribéry vor die Nase, was seiner Entwicklung einen mächtigen Dämpfer verpasste. Derzeit macht Toni Kroos, einst als das größte deutsche Spielmachertalent aller Zeiten gefeiert, eine ähnliche Entwicklung durch. Man könnte diese Liste noch lange fortführen.

Stellt sich auf der einen Seite die Frage, warum der FC Bayern immer wieder Talente verpflichtet, deren Perspektive gegen Null geht. Dass der Vorstand wirklich überzeugt war, Baumjohann würde sich gegen Ribéry durchsetzen, darf bezweifelt werden. Ging es also nur darum, ihn der Konkurrenz vorzuenthalten? In diesem Fall würde dem deutschen Fußball bewusst geschadet, sowohl der Nationalmannschaft als auch der Bundesliga. Außerdem wäre es an Verantwortungslosigkeit gegenüber den Spielern kaum zu überbieten, da man ihnen so bewusst eine erfolgreichere Karriere verbauen würde. Dem FC Bayern nutzt dies in zweifacher Hinsicht, das Risiko hält sich dabei in Grenzen. Ein direkter Konkurrent wird geschwächt, die Stärkung der anderen wird verhindert. Finanziell schadet es dem Verein kaum, da die Ablösesummen nicht allzu hoch ausfallen und durch diverse subtile Andeutungen seitens Uli Hoeneß hinlänglich bekannt ist, dass man über ein prall gefülltes Festgeldkonto verfügt. Außerdem besteht die Chance, dass es doch einmal einer der Spieler wider Erwarten zum Stammspieler bringt.

Auf der anderen Seite müssen sich auch die Spieler die Frage gefallen lassen, wieso sie dem Ruf des FC Bayern folgten, obwohl es genug abschreckende Beispiele gibt. Liegt es am Gehalt oder eher an chronischer Selbstüberschätzung? Die gebotene Perspektive wird es kaum sein. Jan Schlaudraff hatte seinerzeit auch ein Angebot von Werder Bremen vorliegen, das seit 2004 der regelmäßigste Europacup-Teilnehmer neben den Bayern war und ihm einen gesicherten Stammplatz hätte bieten können. Bei Lukas Podolski war es ohne Frage Selbstüberschätzung, was man ihm aber kaum verdenken kann, er wird ja selbst vom Bundestrainer überschätzt. Auch die Medien spielen eine zentrale Rolle: wird ein junger Spieler zu sehr hochgejubelt, setzt die Selbstüberschätzung automatisch ein. Bei Spielern, die aus dem außereuropäischen Ausland verpflichtet wurden, lässt sich die Frage nach den Motiven leichter beantworten: Die Chance zum Wechsel in eine europäische Liga bietet sich nicht jedem Spieler und ist meist der entscheidende Schritt zur Weltkarriere.

Petersen ist es zuzutrauen, dass er den taktisch limitierten Gomez irgendwann überholt, doch strotzt dieser nach dem Gewinn der Torjägerkanone vor Selbstbewusstsein. Das wird es Petersen noch zusätzlich erschweren, an Spielpraxis zu kommen. Auf ihn könnten ein paar öde Jahre auf der Bayernbank warten, bevor er zu einem zweitklassigen Bundesligaverein entsorgt wird.

[Fotoquelle: Lokomotive74, Wikimedia Commons]

14 Kommentare ...
  1. Diese Analyse ist so treffend wie traurig. Der FCB ist und bleibt der Machiavelli unter den Fußballvereinen.

  2. Selbst als gebürtiger und überzeugter Bayern-Fan kann ich nicht umhin, zwischendurch kurz (sofern es keiner sieht) zustimmend mit dem Kopf zu nicken…

  3. TREFFEND – das sage ich als langjähriger Bayernfan (seitdem ich 4 bin halte ich dem FCB die treue) – allerdings ist Kroos auf dem besten Wege sich zu etablieren.

  4. Er etabliert sich doch eigentlich nur als Lückenbüßer. Hinter den Spitzen spielt Müller, die Doppelsechs haben in der letzten Zeit Schweini und Tymoschuk gespielt. Bleibt abzuwarten, ob Heynckes ihn wieder fördert.

  5. ernest steinberg

    das ist ja mal eine fabelhafte analyse der einkaufspolitik des fc bayern. vor allem die these von der schädigung des deutschen fußballs mitsamt der schädigung der junge spieler ist von verblüffender evidenz. intelligenter sportjournalismus at its best!

  6. http://www.transfermarkt.de/de/takashi-usami/profil/spieler_111881.html Hier haben wir den nächsten Kandidaten. Sieht so aus, als würde er zu Bayern wechseln. Spielt Müllers Position, kann aber auch Ribérys oder Robbens spielen. Wenn er Glück hat, verletzen sich die beiden wieder, dann kann ers schaffen.

  7. Und wo spielen die aufgezählten Spieler jetzt? Bei allen hat einfach die Klasse/Einstellung gefehlt!

  8. Stimmt wohl vieles zu. Aber dass Petersen Gomez mal überlegen werden könnte, ist ja wohl ein Witz!

  9. petersen kann einfach mehr und wenn gomez zu seiner normalform zurückfindet und petersen weiterhin seine leistung zeigen kann, wird dieser auch spielen!

  10. Die beiden sind ähnliche Spielertypen. Nur hat man das Gefühl, dass bei Petersen taktisch noch mehr Luft nach oben ist. Hat man bei den Länderspielen wieder gesehen. Wenn Gomez spielt, fehlt der Mannschaft was.

  11. Petersen würde spielen dürfen, wenn er noch 5 Millionen mehr Ablösesumme gekostet hätte als Gomez!! …das ist das einzige Kriterium wie Uli Hoeneß (und nicht der Trainer) die Mannschaft aufstellt: Wie teuer ist die Elf die da auf dem Platz steht? Könnt ihr euch noch daran erinnern, als Tymoschuk auf der Auswechselbank versauert ist und der liebe Uli sich aufgeregt hat, dass man einen 11 Millionen Mann doch da nicht hinsetzt!!
    Naja, Hauptsache den Petersen hat kein anderer, wie schon treffend im obigen Artikel beschrieben. Zum Schluss noch die Frage: Wo wäre der FC Bayern eigentlich heute, wenn sie 72 nicht das Olympia-Stadion geschenkt gekriegt hätten? Da wär das Konto sicherlich nicht mehr so prall gefüllt!!

  12. Im Allgemeinen hast du recht, allerdings hat er sich bei Sosa und Breno nicht aufgeregt und die haben zusammen auch 22 Mio. gekostet. Aber das mit dem Stadion ist ein guter Punkt.

  13. Falsch analysiert. Habe überlegt, ob ich mir die Mühe mache argumentativ dagegen zu halten, aber vermutlich würde das nicht viel bringen.
    Die Verbohrtheit liest man ja schon zwischen den Zeilen.

    LG

  14. du kannst gerne mit argumenten kommen. dann können wir diskutieren. aber die arroganz lass mal schön stecken!